AUF EIGENEN BEINEN

 

Dieser Bericht ist allen Menschen gewidmet, die mir und anderen Behinderten durch ihr Verständnis und ihre Hilfe das Leben erträglicher machen.

Er richtet sich aber auch an alle, die sich die weitreichenden Konsequenzen einer Behinderung nicht vorstellen können oder wollen und uns durch ihre Gedankenlosigkeit oder Gleichgültigkeit das Leben noch schwerer machen als es sein müßte.

Er soll schließlich auch allen anderen Betroffenen Mut machen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und für die Verbesserung ihrer Situation zu kämpfen.

 

Der Text ist auf diesem Link in gekürzter Fassung als Podcast zu hören, gelesen vom Autor:

http://www.zitig.net/podcast/index.php?id=100


 

...Ob´s edler im Gemüt,
Die Pfeil´ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden,
Oder sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden...
William Shakespeare

 

 

„Mein Gott, jetzt ist alles aus!“

Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, als ich im Stiegenhaus am Boden lag und mich nicht mehr rühren konnte. Ich war die Stiege hinuntergegangen, mit der rechten Schuhspitze am Rand einer Stufe hängengeblieben, ge­streckt nach vorne gestürzt und am Fuße der Treppe genau mit der linken Stirnseite aufgeschlagen, da ich dummerweise beide Hände in die Taschen meines neuen Trenchcoats gesteckt und nicht mehr rechtzeitig herausgebracht hatte. Der Kopf tat mir weh, und das ganze Gewicht meines Oberkörpers lag schwer auf meinen vor der Brust abgewinkelten Armen, die nun auch zu schmerzen begannen. Daß mir die Beine überhaupt nicht weh taten, beunruhigte mich aber noch viel mehr.

„Hilf mir, ich kann nicht aufstehen!“

Mein Freund Wolfram, den ich besucht hatte, war noch in der Türe gestanden und hatte meinen Sturz beobachtet, ohne ihn jedoch verhindern zu können. Ich hatte noch einige Worte mit ihm gewechselt und möglicherweise sogar dabei noch zu ihm zurückgeschaut, was mir im Nachhinein als Dummheit erscheinen musste. Er kam zu mir und zog meine Hände unter meinem Körper hervor, wollte aber sonst nichts an meiner Lage verändern, was wohl auch in dieser Situation das Vernünftigste war.

„Hängen meine Knie in der Luft“? -

„Nein, die liegen auf den Stufen.“

Jetzt war mir alles klar; wenn ich meine Knie nicht spüren konnte, obwohl sie auf dem Boden auflagen, dann stand es wirklich schlimm um mich. Ich mußte sofort an meinen Vater den­ken, der vor 16 Jahren gestorben war, nachdem er fast zwei Jahre lang vollständig gelähmt und verzweifelt den Tod herbeigesehnt hatte, nicht einmal fähig, diesem Alptraum selbst ein Ende zu setzen. Ich hatte mich mit ihm nie besonders gut verstanden, da er mich wiederholt geschlagen hatte, doch war mir sein Schicksal trotzdem gewaltig an die Nieren gegangen und mir von da an als das größte denkbare Unglück erschienen. Vor nichts hatte ich mehr Angst gehabt als davor, daß auch mir einmal etwas Derartiges passieren könnte, und nun war genau das eingetreten. Die Hilflosigkeit, mit der ich seiner Hilflosigkeit gegenübergestanden war, hatte mich sprachlos vor Entsetzen gemacht, die plötzliche Konfrontation mit dem Unvorstellbaren hatte mich nicht mehr losgelassen. Ich dachte auch an meine Mutter, die nun schon zum zweiten Mal ein derartiges Unglück miterleben musste, und sie war noch dazu schon fast achtzig. Wie würde sie wohl diese Hiobsbotschaft verkraften? Ich wagte es mir nicht vorzustellen. Es war schon schlimm genug, wenn eine Familie einmal von einer solchen Tragödie heimgesucht wurde, aber so etwas zweimal durchmachen zu müssen überstieg wohl alle Kräfte. Wie auch immer, wir mußten sie und natürlich zuerst die Rettung verständigen. Es war noch ein Glück im Unglück, daß Wolfram gleich zur Stelle war und Hilfe holen konnte, sonst hätte ich möglicherweise stundenlang, ja vielleicht sogar die ganze Nacht in dem finsteren Stiegenhaus liegen müssen, bis mich jemand zufällig gefunden hätte. Doch wie sagte schon Torbergs selige Tante Jolesch so treffend: „Der Himmel soll einen vor allem bewahren, was noch ein Glück ist.“

Nach einer Viertelstunde, die mir wie eine Ewigkeit erschien, kam endlich die Rettung, und ich machte die Sanitäter darauf aufmerksam, daß wahrscheinlich meine Wirbelsäule verletzt war und sie mich mit äußerster Vorsicht hochheben und auf die Tragbahre legen und mich ganz langsam über die drei Stockwerke der engen und steilen Wendeltreppe hinuntertragen mußten, sollte ich wenigstens noch eine minimale Chance zur Heilung haben. Die ganze Zeit hatte ich, wie man sagt, einen kühlen Kopf bewahrt und war nicht in Panik verfallen, sondern hatte systematisch und logisch wie immer meine Situation analysiert und an alle notwendigen Schritte gedacht. Ja, den Kopf hatte ich tatsächlich nicht verloren, dachte ich mit einem Anflug von Galgenhumor. Eigentlich war ich nur mehr ein nach wie vor gut funktionierender Kopf mit einem nutzlosen Körper als Anhängsel. Nachdem sie mich in den Rettungswagen verfrachtet hatten, begannen sie mich routinemäßig nach meinen Personalien, Krankenkasse, Versicherungsnummer und Blutgruppe zu fragen, während wir mit Blaulicht und Sirene zum Krankenhaus rasten. Als wir bei der Notaufnahme ankamen und mich die Sanitäter dort gleich von der Tragbahre schwungvoll und energisch auf den Untersuchungstisch hieven wollten, mußte ich sie zu größter Vorsicht ermahnen. Zu dritt hoben sie mich schließlich hinüber, wobei einer meinen Kopf stützen und stabilisieren mußte. Dann schälten sie mich aus meinen Kleidern, was vor allem bei dem langen Trenchcoat ein Problem war, und den Rollkragenpulli konnte ich mir unmöglich über den Kopf ziehen lassen, den mußten sie mir einfach vom Leib schneiden - darauf kam es nun wirklich nicht mehr an. Nun begannen gleich die ganzen Routinechecks, Puls, Blutdruck, Sensibilität, Fragen nach früheren Krankheiten, Operationen, Allergien, dann zum Röntgen. Als sie die Bilder hatten, sagte der Chirurg, der dort gerade das Kommando hatte, er brauche noch ein CT (Computertomographie) und ein MR (Magnetresonanz) von der HWS (Halswirbelsäule), damit er die kritische Stelle ganz genau unter die Lupe nehmen könne. CT war mir schon lange ein Begriff, aber MR sagte mir überhaupt nichts. Offensichtlich war das die neueste und präziseste Diagnosemöglichkeit, die eine weitere Verfeinerung des Durchleuchtungsprinzips darstellte. Ich wurde in einen anderen Trakt gerollt, wieder auf eine spezielle Unterlage hinübergezogen und festgeschnallt. Dann schoben sie mich mit dem Kopf voran in einen engen Tunnel und schärften mir ein, den Kopf auf keinen Fall zu bewegen. Dann schloß sich die Klappe und ich lag allein in dieser Röhre, die nur schwach erleuchtet war.

Es war, als läge ich schon im Sarg, dachte ich, und ich konnte nicht ein­mal sagen, ich sei bereits so gut wie tot. Das wäre nämlich noch eine krasse Untertreibung gewesen, denn das Leben, das mich erwartete, war möglicherweise schlimmer als der Tod. Leise setzte nun ein elektronisches Geräusch ein, das sich zu einem tiefen Brummen steigerte und die Innenwände der Röhre leicht vibrieren ließ. Zuerst kam das Geräusch nur in kurzen Stößen, mit längeren Intervallen; dann erhöhte sich die Frequenz und ließ einen gewissen Rhythmus erkennen, der etwas Hypnotisches an sich hatte. Ein guter Groove, dachte ich, den könnte man glatt einsamplen und als Rhythmusspur für eine Dancefloor-Nummer verwenden. Ja, ich würde vielleicht zu diesem Rhythmus tanzen, wenn ich meine Beine bewegen könnte. Sogar in dieser akutesten Krise hatte ich - wie ein gänzlich unbeteiligter Beobachter - meine Musikbesessenheit nicht abgelegt, sondern meine existentiellen Probleme durch diese banalen Überlegungen verdrängt, die mir aber doch wenigstens für kurze Zeit eine gewisse Geborgenheit auf einem mir vertrauten Gebiet inmitten lauter völlig neuer Eindrücke und Erfahrungen boten.

Nach etwa einer Viertelstunde holten sie mich wieder heraus, schoben mich zum Ausgangspunkt zurück und ließen mich für eine Weile allein. Dann eröffnete mir der Chirurg, sie müßten mich gleich operieren. Ich hatte ohnehin nichts anderes erwartet und mich längst damit abgefunden, da ich in dieser Situation nichts mehr zu verlieren hatte. Selbst die wohl jedem bekannte Angst vor einem chirurgischen Eingriff wurde durch die Hoffnung auf Hilfe mehr als aufgewogen. Dabei war es gerade für mich immer ein absolut feststehendes Prinzip gewesen, mich auf gar keinen Fall auf das Risiko einer Wirbelsäulenoperation einzulassen, da mir das Schicksal meines Vaters unauslöschlich als abschreckendes Beispiel vor Augen stand. Er hatte nämlich nicht wie ich einen Unfall gehabt, sondern plötzlich aus heiterem Himmel unter leichten Lähmungserscheinungen gelitten und war deshalb in die Klinik eingeliefert und dort untersucht worden. Ein Professor auf der neurochirurgischen Abteilung, der als große Kapazität auf seinem Gebiet galt, hatte krankhafte Veränderungen an der Halswirbelsäule diagnostiziert und ihm dringend zu einer Operation geraten, da sonst eine Ausbreitung und Verstärkung der Lähmung zu befürchten sei. Mein Vater hatte nach einigen Tagen im Vertrauen auf die Autorität dieses „Fachmannes“ seine Einwilligung zu diesem Eingriff gegeben. Das Ergebnis war niederschmetternd gewesen: Unmittelbar nach der Operation war mein Vater von Kopf bis Fuß gelähmt und absolut hilflos. Zuerst vertröstete man ihn und uns, das hätte nichts zu bedeuten und er würde sich bald erholen und wieder „ganz der Alte“ sein, wie gesagt wird. Als jedoch Tage und Wochen ohne nennenswerte Besserung vergingen, wurde es uns langsam, aber sicher klar, daß hier ein „Kunstfehler“ passiert sein mußte, daß man ihn offensichtlich „verpfuscht“ hatte. Natürlich hatten wir nichts beweisen können und wußten, daß wir bei einer etwaigen Klage auf verlorenem Posten gestanden wären. Ich war damals dreiundzwanzig, und der Schock saß tief, zu tief, um ihn jemals vergessen zu können.

Zehn Jahre später, als ein guter Freund durch einen Bandscheibenvorfall unter furchtbaren Schmerzen und zeitweiliger Lähmung litt und sich nach fruchtlosen Therapieversuchen mit Homöopathie und Naturheilmethoden letztendlich doch für eine Operation entschied (die sich schließlich als unumgänglich erwiesen hatte und glücklicherweise erfolgreich verlief), hatte ich wirklich um ihn gezittert, da mir die möglichen Folgen einer derartigen Entscheidung nur allzu deutlich bewußt waren. Nun lag ich selbst da und hatte gar keine andere Wahl als mich operieren zu lassen. Ich wußte, ich war am absoluten Tiefpunkt meines Lebens angelangt, und es konnte nicht mehr schlimmer kommen. Der Unfall war um etwa 6 Uhr abends passiert, und nun war es nach Abschluß aller Formalitäten und Untersuchungen fast 9 geworden. Man rollte mich in den Vorraum des OP, wo Ärzte und Schwestern in grünen Mänteln, Hauben und Gesichtsmasken hektisch hin- und herliefen, sich die Hände wuschen und Handschuhe anlegten. Man stülpte auch mir eine Kappe übers Haar und verabreichte mir eine Injektion über eine Leitung im linken Arm, die sie mir schon vorher gelegt hatten. Ich merkte, daß ich langsam müde wurde. Es blieb nicht mehr viel Zeit, Angst zu haben oder mir Sorgen zu machen, ich konnte mich nur noch diesen Gesichtern hinter den grünen Masken anvertrauen und hoffen, sie würden ihr Bestes tun...

Ich erwachte in einem großen Raum bei gedämpftem Licht. Überall standen technische Geräte mit Leuchtdioden, Oszillographen, Unmengen von Schaltern und Kabeln, wovon einige zu meiner Brust führten. Auch an meinen Armen und mei­nem Hals hingen Schläuche, die diverse Flüssigkeiten zu und aus meinem Körper zu transportieren schienen. Mehrere Krankenschwestern überwachten die Geräte, hinter einem Wandschirm rechts von meinem Bett war lautes Stöhnen und Röcheln zu hören. Anscheinend lag ich auf der Intensivstation, aber das war wohl nach einer so schweren Operation so üb­lich. Ich hatte den Eingriff also überlebt und schwebte wohl auch nicht in akuter Lebensgefahr. Es würde weitergehen, aber wie? Früher hatte ich manchmal den optimistischen Spruch über den ersten Tag vom Rest des Lebens belächelt, aber nun hatte dieser Spruch für mich eine neue, bedrohliche Bedeutung bekommen. Was für ein Leben würde das sein, und würde ich Einfluß darauf haben?

„Aha, er ist schon wach!“ -

Eine der Schwestern war auf mich aufmerksam geworden und kam schnell an mein Bett.

„Wie fühlen Sie sich?“ -

Ich räusperte mich und krächzte mit einer Stimme, die noch heiserer als normalerweise so früh am Morgen war, „Na ja, der Hals tut mir ein bißchen weh“. -

„Das kommt von dem Schlauch, den man Ihnen für die Narkose eingeführt hat; aber das wird bald nachlassen. Auch der Schnitt wird wahrscheinlich etwas unangenehm sein.“

Ich hatte erwartet, daß sie mich am Nacken operieren würden, doch der Verband war rechts vorne, und eine blutigrote Flüssigkeit tröpfelte von dort durch einen dünnen Schlauch in ein Kunststoffsäckchen, das an dem Bettgitter befestigt war.

Inzwischen war auch ein Arzt bei mir, der wohl an der Operation beteiligt gewesen war.

„Haben Sie Schmerzen, können Sie sich an alles erinnern?“ -

„Mir ist alles vollkommen klar, ich habe gestern einen Unfall gehabt und bin operiert worden.

Wie ist es gelaufen ?“ -

„Es war ein langwieriger Eingriff, wir haben zirka fünf Stunden gebraucht, aber es hat keine Komplikationen gegeben. Wir mußten eine Bandscheibe entfernen, um das Rückenmark zu entlasten, und dann die Wirbel mit Dübeln und Schrauben fixieren. Der Spinalkanal war in diesem Bereich verengt, und ein Blutgerinsel hat auf das Rückenmark gedrückt.“ -

„Verengt, sagen Sie? Durch den Unfall, oder schon vorher ?“ -

„Es handelte sich anscheinend um eine pathologische Verwachsung, nicht sehr ausgeprägt, die sich aber mit der Zeit verstärken hätte können.“

Mit einem Schlag wurde mir klar, daß meine langjährigen unterschwelligen Ängste, ich könnte die Krankheit meines Vaters geerbt haben, wohl nicht unbegründet gewesen waren. Schon seit einigen Jahren hatte ich immer wieder ein merkwürdiges Kribbeln in den Fingern und Zehen gespürt und auch unter ständigen Verspannungen im Nacken zu leiden gehabt, was mein Arzt auf verschiedenste Gründe wie zum Beispiel eine Amalgamallergie zurückgeführt, aber weder überzeugend geklärt noch durch homöopathische Präparate oder seine anderen Alternativtherapien geheilt hatte. Hätte ich nicht diesen Unfall gehabt, wäre mir in späteren Jahren dieses Los also wahrscheinlich trotzdem nicht erspart geblieben. Man kann seinem Schicksal wirklich nicht entgehen, dachte ich, aber es hätte sich nicht auch noch so beeilen müssen. Gerade jetzt mußte mir das passieren, als es mir so gut wie schon lange nicht gegangen war und ich voller Pläne und Hoffnungen steckte, drauf und dran, mein Leben endlich in den Griff zu bekommen.

„In den Griff bekommen“ - Das war für mich zu einer stehenden Redensart geworden, wenn mich jemand nach meinem Befinden fragte. „Alles im Griff!“ Und nun hatte ich, der perfekte Planer und Organisator, der gefinkelte Problemlöser, buchstäblich gar nichts mehr im Griff, es war mir mit einem Schlag alles aus den Händen geglitten. Ich war noch nicht einmal neununddreißig, hatte also noch fast mein halbes Leben vor mir, wenn auch nicht gerade ein Leben, wie es für die meisten meiner ehemaligen Schulfreunde und Studienkollegen wohl selbstverständlich war, nämlich eine berufliche Karriere und ein harmonisches Familienleben. Statt dessen war ich ein bunter Hund, ein ziemlich eigenwilliger Junggeselle und Freiberufler ohne feste Bindungen, konnte zwar einerseits meine Freiheit genießen, sehnte mich hin und wieder aber doch nach etwas mehr Sicherheit und Geborgenheit, wenn es mir auch weder an Geld noch an Freunden bzw. Freundinnen mangelte.

„Und wie stehen meine Chancen, daß ich wieder gesund werde?“ -

„Es ist jetzt natürlich noch viel zu früh, um da etwas sagen zu können. Wir müssen verschiedene Tests durchführen und dann abwarten, wie sich die Physiotherapie auswirkt. Können Sie mit den Fingern etwas spüren?“-

„Ja, ich spüre die Bettdecke, aber ich kann die Finger nicht bewegen.“ -

„Versuchen Sie, die Arme zu bewegen.“

Ich konzentrierte mich und schob dann tatsächlich zuerst den rechten, dann den linken Arm langsam über die Decke, dann gelang es mir sogar, den rechten Arm leicht anzuheben. Dazu war ich vor der Operation nicht fähig gewesen, es hatte sich also wenigstens etwas gebessert!

„Wie ist es mit den Beinen? Können Sie die Zehen bewegen?“ -

„Nein, aber ich spüre Ihre Hand, Sie halten gerade meine linke große Zehe, jetzt die rechte.“

„Na, das ist für den Anfang nicht einmal so schlecht“, meinte der Arzt und tauschte einen Blick mit einem anderen Arzt, der hinzugekommen war und die Tafel mit meiner Fieberkurve studierte.

„Der Herr Professor wird Sie wahrscheinlich bei der Visite noch genauer untersuchen.“

Zwei Schwestern kamen mit einer Waschschüssel auf einem fahrbaren Gestell, Waschlappen und Handtüchern. Sie nahmen die Decke weg und zogen mir das Nachthemd aus, was wegen der vielen Kabel und Schläuche gar nicht so einfach war. Mir war diese ungewohnte Situation etwas unangenehm, aber da ich mich nicht selbst waschen konnte, war ich eben bei dieser intimen Verrichtung auf Hilfe angewiesen und mußte diese Prozedur wohl oder übel über mich ergehen lassen. Beim Waschen konnte ich meinen ganzen Körper wieder deutlich spüren, was mir einen weiteren Grund zur Hoffnung gab. Anscheinend hatte die Operation doch etwas bewirkt. Als die eine der Schwestern, eine attraktive Rothaarige, bei meiner Leistengegend angelangt war, begann sich unter ihren Händen bei mir etwas zu regen und anzuschwellen. Unter anderen, intimeren Umständen wäre mir das durchaus angenehm gewesen, doch hier kam es mir mehr als ungelegen. Ich muß wohl ungefähr so rot wie ihr Haar geworden sein, wußte nicht mehr, wo ich hinschauen sollte und wäre am liebsten in der Matratze versunken. Sie aber schmunzelte nur, machte einfach weiter und meinte ganz trocken: „Sie haben sich aber anscheinend schon ganz gut von der Operation erholt.“

Ich war erleichtert, daß sie die Sache so locker nahm. Sie war wohl von Natur aus nicht schüchtern oder prüde und hatte vermutlich bei ihrer Arbeit im Laufe der Zeit so einiges erlebt, daß sie nicht mehr so leicht zu schockieren oder in Verlegenheit zu bringen war. Ihr amüsiertes Grinsen mochte vielleicht sogar bedeuten, daß sie meine spontane Reaktion quasi als eine Art stummes Kompliment betrachtete.

Auf einmal wurde mir nun bewußt, daß ich bis zu diesem Zeitpunkt nur an meine Arme und Beine gedacht und um deren Funktion gebangt hatte. Ich hatte nur befürchtet, nie wieder gehen zu können und dabei nicht einmal geahnt, daß ich um ein Haar meine Männlichkeit verloren hätte. Ich hatte mich zwar nie als toller Hengst und Super-Macho gefühlt und mich eher auf meine geistige Potenz verlassen, doch hatte mir die Tatsache, daß mich dieser Teil meines Körpers im entscheidenden Moment nie im Stich gelassen hatte, schon eine gewisse Sicherheit gegeben und zu meinem Selbstwertgefühl als Mann beigetragen. Na schön, ich war also noch immer ein Mann, wenigstens in dieser Hinsicht, doch was nützte mir das schon in dieser Lage? Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine feste Partnerin, und sogar wenn ich eine gehabt hätte, wäre sie bei mir und mir treu geblieben? Und war es nun für mich nicht so gut wie unmöglich geworden, die Frau fürs Leben zu finden? Wer würde sich schon freiwillig eine derartige Last aufbürden, wenn schon das Zusammenleben mit einem gesunden Partner oft eine mühsame und aufreibende Erfahrung bedeutet und heute von vielen nur noch als unzumutbare Einengung empfunden wird? Andererseits ist es schon schlimm genug für einen Behinderten mit einer Familie, die ihm eine gewisse Geborgenheit bieten kann; für einen Alleinstehenden ohne Geschwister, Kinder oder sonstige Verwandte (außer meiner Mutter gab es da nur einen jüngeren Cousin, zu dem ich keinen Kontakt pflegte) würde alles noch viel schwerer werden.

Ich war an der „Endstation Sehnsucht“ angelangt; die Aussicht, für den Rest meines Lebens auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen zu sein, war für mich der schlimmste Aspekt meiner Behinderung.

In den ersten Stunden und Tagen konnte ich noch gar nicht die volle Tragweite meiner Behinderung abschätzen. Ich ahnte nur, daß eine Fülle unvorstellbarer Probleme auf mich zukam, die sich erst nach und nach bemerkbar machen würden. So wurde mir nun ein Dauerkatheter gesetzt, wie man mir erklärte. Da eine Querschnittlähmung im allgemeinen auch mit einer Blasen- und Mastdarmlähmung verbunden ist, muß man über den Harnleiter diesen Katheter in die Blase durch den gelähmten Blasenschließmuskel einführen und so künstlich eine Entleerung herbeiführen. Ein Dauerkatheter ist zwar praktisch, wird die Leitung aber nicht regelmäßig abgeklemmt, so daß sich die Blase immer wieder etwas füllen kann, ist die Gefahr einer Blasenschrumpfung gegeben. Auch ist auf gewissenhafte Katheterpflege mit speziellen Desinfektionsmitteln und den Austausch des Katheters nach einer gewissen Zeit zu achten, damit es zu keiner Harnwegsinfektion kommt, die sogar bis zur Niere aufsteigen und ernste Schäden verursachen kann. All das hatte ich nicht gewußt, hatte nie daran gedacht, daß mein Vater oder andere Rollstuhlfahrer solche Probleme haben könnten. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht, was für eine gewichtige Rolle dieses Problem während meiner Rehabilitation und danach in meinem Alltag zu Hause spielen würde.

Man teilte mir mit, daß meine Mutter und ihre Ziehschwester draußen warteten und mich besuchen wollten, doch seien zur Zeit auf der Intensivstation keine Besuche möglich; man würde sie aber später wenigstens für kurze Zeit zu mir hereinlassen. Wir tauschten also nur über eine Schwester die nötigsten Informationen aus, zum Beispiel, wer noch zu verständigen war. Wolfram würde ohnehin die Neuigkeit an die anderen Mitglieder unserer Clique weitergeben, und die Neuigkeit würde schnell die Runde machen. Es wurde Zeit fürs Frühstück, und es stellte sich heraus, daß man Kaffee in Rückenlage schwer trinken kann, ohne die Hälfte davon auf die Brust tröpfeln zu lassen, besonders, wenn man die Schale nicht selbst halten kann. Ich bekam daher einen Schnabelbecher in den Mund gesteckt, an dem ich nun - fast wie ein Säugling - nuckeln konnte. Dazu ließ ich mir ohne besonderen Appetit eine halbe Buttersemmel verabreichen - ich hatte für das traditionelle, langweilige „continental breakfast“ nie viel übrig gehabt und mein „englisches“ Frühstück immer ausgiebig und abwechslungsreich zelebriert, am liebsten mit Zeitung und passender Musik. Da ich nur leichtes Fieber gehabt hatte und auch sonst keine postoperativen Komplikationen auftraten, wurde ich schon am nächsten Tag auf die neurochirurgische Abteilung verlegt und kam in ein Zimmer mit fünf anderen Patienten. Zwei von ihnen hatten ihre Operation schon hinter sich, wie ich an ihren Verbänden erkennen konnte, die anderen warteten noch auf einen Termin. Es war sofort klar, daß ich der schwerste Fall unter ihnen war, der einzige, der sein Bett nicht verlassen konnte. Dementsprechend groß war auch das Interesse an meinem Unfall und meinem Zustand sowie die Bereitschaft, mir zu helfen und auf mich Rücksicht zu nehmen.

Für mich begann nun eine Phase, die mir und allen, die sie miterlebten, noch heute unbegreiflich erscheint. Man hätte nämlich erwarten können, daß ich, gezeichnet vom Schock des erlittenen Unfalls und seiner Folgen, die schlimmste Zeit meines Lebens durchmachen und in Angst und Verzweiflung verfallen würde. Wunderbarerweise war genau das Gegenteil der Fall: Die überaus aufmerksame und gewissenhafte Behandlung durch alle Ärzte, besonders aber durch einen der Professoren, der mir gleich durch die leutselige und humorvolle Abwicklung seiner Visiten aufgefallen war, gaben mir Mut und Zuversicht. Auch die Betreuung durch die Schwestern und Pfleger konnte man nur als vorbildlich bezeichnen. Ich hätte nie im Leben erwartet, einmal so verwöhnt zu werden, und genoß es, obwohl ich es nicht gewöhnt war, mich wie ein Pascha bedienen zu lassen. Alles geschah auf behutsame und unaufdringliche Weise, und die lockere Art, wie die Angestellten miteinander und mit den Patienten umgingen, schuf eine positive Atmosphäre, die geradezu ansteckend war. Ich stellte natürlich keine großen Ansprüche und konnte als gewöhnlicher Kassenpatient ohne Zusatzversicherung auch keine erstklassige Betreuung erwarten, doch schien man mir trotzdem alle Wünsche förmlich von den Augen abzulesen und meine Probleme und Bedürfnisse schon früher als ich selbst zu erkennen.

Schon vor Beginn der Besuchszeit (man nahm es hier glücklicherweise nicht so genau) kamen meine Mutter und die „Tante“ ins Zimmer und überhäuften mich mit Fragen. Sie konnten ihre Besorgnis und ihren Kummer kaum verbergen und waren sehr erstaunt, mich in ziemlich gelöster und guter Stimmung vorzufinden. Natürlich war meine körperliche Schwäche und Hilflosigkeit offensichtlich, aber wenigstens psychisch hatte ich mich anscheinend von dem Unfall bereits gut erholt. Nur einige Minuten später kam meine alte Freundin Margit, die gerade auf einer anderen Abteilung als Turnusärztin arbeitete, ins Zimmer. Da sie ihre Arbeit und ihre Familie sehr in Anspruch nahmen, hatte ich sie leider schon lange nicht mehr gesehen; um so mehr freute ich mich nun über ihren Besuch, und es beruhigte mich ungemein, sie in meiner Nähe zu wissen.

„Du machst ja schöne Sachen“, begrüßte sie mich. „Auf diese Art wollte ich dich nicht wiedersehen. Dafür hättest du nicht unbedingt eine Stiege hinunterköpfeln müssen!“

Das war der neckische, kumpelhafte Ton, der immer zwischen uns geherrscht hatte, doch er konnte nicht ganz ihre Besorgnis und ihren Kummer verdecken. Sie hatte einen Nachtdienst hinter sich und sah so müde und erschöpft aus, daß ich mir um sie fast ebenso große Sorgen machte wie sie sich um mich. Sie hatte mit dem Oberarzt über mich sprechen können und als Berufskollegin natürlich eine genauere Auskunft über meinen Zustand bekommen, den sie mir nun aus dem medizinischen Fachchinesisch in ein allgemein verständliches Deutsch über­setzte. Der Grundtenor davon war, meine Lage sei zwar ernst, aber sicherlich nicht hoffnungslos. Mehrere Anzeichen sprächen dafür, daß sich mein Zustand noch wesentlich verbessern könne; das sei ihre ehrliche Überzeugung und nicht nur als ver­harmlosende Beschwichtigung gemeint, allerdings müsse ich auch meinen Teil dazu beitragen.

Kaum war sie gegangen (sie hatte nur eine kleine Verschnaufpause für ihren Besuch genützt), kamen auch schon die nächsten Besucher: Mein Freund und Studienkollege Rick (der eigentlich Richard hieß, aber diesen Spitznamen wegen seiner Schwärmerei für Humphrey Bogart in „Casablanca“ verpaßt bekommen hatte), und Birgit, die noch am selben Abend durch ihren Freund Wolfram von meinem Unfall erfahren hatte. Beiden war anzusehen, daß ihnen mein Anblick naheging.

„Danke für die Blumen, aber ich bin noch nicht gestorben“, versuchte ich sie aufzumuntern. „Unkraut vergeht nicht so schnell, darauf könnt ihr euch verlassen.“ -

„Apropos Unkraut, wer kümmert sich jetzt um deine Pflanzen?“ fragte Rick. „Ich könnte sie leicht in der Mittagspause gießen, ich bin in ein paar Minuten von meinem Büro in deiner Wohnung, und deine Mutter müßte nicht immer extra hinfahren und die drei Stock hinaufsteigen, das wird ihr sicher zu viel werden.“

Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber meine schöne Kokospalme und die riesige Yucca, vor allem aber mein Bonsai brauchten wirklich verläßliche Pflege, und dafür war er tatsächlich der richtige Mann. Die Kette der Besucher wollte an diesem Nachmittag nicht abreißen; selbst als die offizielle Besuchszeit schon zu Ende war, schaute noch rasch eine Freundin, die in der Nähe des Spitals wohnte, nach der Arbeit auf einen Sprung vorbei. Offenbar hatte die Neuigkeit wirklich rasch die Runde gemacht, ich war in meinem Freundes- und Bekanntenkreis unfreiwillig zur traurigen Sensation und zum Brennpunkt der allge­meinen Anteilnahme geworden. Da ich keine Familie hatte, waren mir meine Freunde und Freundinnen umso wichtiger gewesen, und ich hatte immer viel für die Pflege dieser Freundschaften getan und mir gern Zeit dafür genommen. Nun war es für mich ein beruhigendes Gefühl, in meiner schwersten Zeit nicht im Stich gelassen zu werden, sondern mehr Zuwendung und Hilfsbereitschaft erleben zu dürfen, als ich es mir erhofft hätte.

Der Besucherstrom versiegte auch in den darauf folgenden Wochen nicht, und meine Zimmergenossen, das Pflegepersonal und auch meine Mutter kamen gar nicht aus dem Staunen her­aus, was sich da Tag für Tag rund um mein Bett abspielte. Speziell die anderen Patienten blickten etwas neidisch auf die Scharen weiblicher Besucher, die mich zumeist mit Küßchen und Umarmungen begrüßten und mußten mich wohl für einen ausgemachten Casanova halten, doch handelte es sich dabei nur um einige meiner „Verflossenen“, mit denen ich noch immer freundschaftliche Kontakte pflegte, und langjährige platonische Freundinnen, denen ich mich gerade deshalb so verbunden fühlte, weil keine gegenseitigen Besitzansprüche unsere Beziehungen belasteten. Die Ärzte und Schwestern mußten fast den Eindruck gewinnen, sie hätten es mit einer prominenten Person zu tun, und meine Mutter, die mich eher für einen verschlossenen Einzelgänger gehalten hatte (Ich hatte immer ver­sucht, meine Eltern aus meinem Privatleben herauszuhalten), war nun erstaunt, auf einmal an meinem Krankenbett so viele Menschen kennenzulernen. Die Sitzgelegenheiten reichten zu­meist nicht aus, die vielen Blumen konnte ich nur an die Schwestern weiterschenken, sollte sich das Krankenzimmer nicht in eine Aufbahrungshalle verwandeln, und die vielen Süßigkeiten (ich war allgemein als Naschkatze bekannt) hätten ohne weiteres ausgereicht, fünf Personen zu einer dauerhaften Verstopfung zu verhelfen. Ich wurde mit homöopathischen Medikamenten, Bio-Obst, guten Ratschlägen für Meditationsübungen, Bachblütenmischungen und heilenden Edelsteinen bedacht, da sich viele meiner Freunde privat oder beruflich mit esoterischen und alternativen Heilmethoden beschäftigten. Eine Freundin brachte mir ein Päckchen Vibhuti, diese angeblich von Sai Baba, der von vielen als Avatar verehrt wird, materialisierte Asche, die sie persönlich aus seinen Händen empfangen hatte. Man las mir aus meinen Lieblingsbüchern vor, die ich damals weder halten noch umblättern konnte und hielt mich über Börsenkurse und Fußballergebnisse auf dem Laufenden. Vor allem aber gab man mir ein Gefühl von Geborgenheit, ohne das ich diese Situation zweifellos niemals so gut überstanden hätte. Ich schwebte gewissermaßen auf einer Wolke von positiven Schwingungen, war voller Optimismus und guter Laune, sprühte vor Ideen und Plänen und war mit meiner Umwelt in hundertprozentigem Einklang. Man konnte meinen, ich sei selten so glücklich wie in diesen Tagen und Wochen gewesen. Natürlich hatte dieser Optimismus, diese Euphorie, auch reale Gründe, die man nicht als esoterische Hirngespinste abtun konnte: Ich machte fast täglich kleine, aber doch deutliche Fortschritte, mein Zustand stabilisierte sich.

Es waren sehr häufig Schwestern und Pfleger, ja sogar Ärzte in unserem Zimmer, doch da ich nicht einmal die Glocke, die über meinem Bett hing, bedienen konnte, war ich sogar dafür auf die Hilfe meiner Zimmergenossen angewiesen. Ich konnte mich weder schnäuzen noch kratzen, natürlich auch nichts essen oder trinken, keine Zeitungen oder Bücher lesen (was für einen Bücherwurm wie mich schon sehr schlimm war) und nur die Musik hören, die leise aus dem in der Glocke eingebauten Radio drang. Fatalerweise konnte ich damit nur Ö 2 und die für diesen Sender typische volks-dümmliche Musik und seichte Schlager empfangen, was mich doch etwas deprimierte. Wie schon zuvor angedeutet, bedeutet mir Musik, und ich meine damit anspruchsvolle Musik, sei es Jazz, Klassik oder Folklore, ungeheuer viel, ich bin gewissermaßen süchtig danach und bin auch ziemlich stolz auf meine umfangreiche Sammlung an Tonträgern, aus denen ich mir zu beinahe jeder Stimmung oder Situation die passende Musik aussuchen kann. Ich lieh mir einen Walkman (eigentlich ziemlich unpassend für jemanden, der nicht gehen kann) und ließ mir aus meiner Wohnung eine Auswahl von Cassetten bringen, die mich aufheitern und ablenken sollten: Bach, Mozart, Jan Garbarek, W.Ambros, STS, Leonard Cohen, Ravi Shankar. Ich mußte leider feststellen, daß ich weder die Kopfhörer aufsetzen noch die Play-Taste drücken oder gar die Cassette wechseln konnte. Tagsüber war das kein Problem, da ja ohnehin immer etwas los war und Leute zur Hilfe da waren. In der Nacht war das natürlich anders, und da ich kaum schlafen konnte, lag ich oft stundenlang bewegungslos in der Dunkelheit, nur der Musik aus meinen Kopfhörern lauschend. Ich hatte zwar auch schon vor meinem Unfall immer wieder unter Schlafstörungen gelitten, doch diesmal war alles ganz anders. Ich war merkwürdigerweise überhaupt nicht müde, sondern völlig frisch, obwohl ich tagelang mit lächerlich kurzen Schlafphasen auskam und die ganze Zeit im Bett verbrachte. Früher hatte ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere geworfen und mich dann zumeist in die Bauchlage gerollt. Genau das war mir nun unmöglich; ich war gezwungen, beinahe unbeweglich in der Position stundenlang zu liegen, in der man mich gelagert hatte, und an die Bauchlage war überhaupt nicht zu denken, da sie erstens meine HWS zu stark belastet hätte und ich zweitens im Polster erstickt wäre. Außerdem konnte ich nun nicht aufstehen und mich vor den Fernsehapparat setzen oder mir etwas aus dem Kühlschrank holen. Mit dem Spaziergang um den Häuserblock war auch nichts, doch das hätte mich mitten im Februar auch nicht besonders gereizt, darauf konnte ich noch am ehesten verzichten. Statt dessen lag ich in einem Raum mit fünf Fremden, von denen einer auch noch mit einer Hingabe schnarchte, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Es scheint ein unerbittliches Naturgesetz zu sein, daß gerade die ärgsten Schnarcher am schnellsten einschlafen und mit dem tiefsten Schlaf gesegnet sind. Glücklicherweise kamen sogar in der Nacht alle zwei Stunden die Schwestern zu mir, um mich anders zu lagern, mir etwas zu trinken zu geben und für musikalischen Nachschub zu sorgen. Ich hatte nach einigen Tagen und durchwachten Nächten widerstrebend eingewilligt, Schlafmittel einzunehmen, doch keines der vorhandenen Präparate konnte mir helfen - ich blieb hellwach und zeigte auch tagsüber keine Anzeichen von Erschöpfung. Woher nahm ich diese unerklärliche Energie? Vielleicht lag es an der Fülle neuer Erfahrungen und Eindrücke, die hier auf mich einströmten. Ich war zwar schon einmal anläßlich einer Blinddarmoperation im Spital gewesen, doch ließ sich das nicht mit meiner gegenwärtigen Situation vergleichen.

Schon am zweiten Tag, bald nach dem Frühstück (ich bekam nun sogar Müsli, Orangensaft und Bohnenkaffee), wurde ich zur Physiotherapie gebracht. Ein freundlicher Herr, der für den Transport von Patienten kreuz und quer durch das ganze Spitalsgelände zuständig war, schob mich in meinem Bett durch diverse Gänge und mit dem Lift zum Turnsaal. Da wir bald voneinander wußten, daß ich Dolmetscher war und er längere Zeit in Amerika gelebt hatte, unterhielten wir uns zum Spaß nur mehr auf Englisch, was diese Fahrten für mich wirklich interessant machte, da diese Sprache für mich schon immer eher ein Hobby als nur ein Schulfach oder Arbeit gewesen ist. Hingegen sah ich der Gymnastik im Rahmen der Physiotherapie mit gemischten Gefühlen entgegen. Schon in der Schule hatte ich das Fach Leibesübungen mehr gehaßt als alle anderen und war auch als Tolpatsch bekannt, der jeder sportlichen Aktivität aus dem Wege ging, da er sich dabei ja doch nur blamieren würde. Als ich jedoch in den Gymnastikraum geschoben wurde und mich drei nette Therapeutinnen fröhlich in Empfang nahmen, war meine Angst gleich verflogen. Es würde hier offensichtlich nicht so streng zugehen wie in den Turnstunden meiner Mittelschulzeit. Sie schienen über meinen Befund bereits bestens informiert zu sein und begannen gleich, meine passive und aktive Beweglichkeit zu testen. Erwartungsgemäß waren meine Muskeln am Anfang völlig schlaff, doch ich konnte wenigstens meine Arme etwas heben oder zur Seite strecken, was sie mich zuerst ohne, dann mit Widerstand tun ließen. Gleichzeitig wurden meine Beine durchbewegt, dann kamen meine Finger an die Reihe, die noch völlig weich und kraftlos waren. Im Hintergrund war gute Musik zu hören, was natürlich für eine angenehme Atmosphäre sorgte, und wir plauderten bald über Gott und die Welt und stellten dabei fest, daß wir alle mehr oder weniger einen Hang zur Esoterik und Erfahrungen mit Meditation, Bachblüten, Edelsteinen und Akupunktur gemacht hatten.

Jedenfalls machte mir die Turnerei unter diesen Umständen mehr Spaß, als ich gedacht hatte, obwohl ich dabei gehörig ins Schwitzen kam. Zum ersten Mal im Leben begann ich so etwas wie sportlichen Ehrgeiz zu entwickeln, aber zum ersten Mal ging es auch wirklich um etwas, nämlich nicht weni­ger als mein Leben, das ich unter menschenwürdigen Umständen fortsetzen wollte. Das sollte mir schon einige Liter Schweiß wert sein. Nach dem Durchbewegen wurde ich vom Bett auf ein so genanntes Stehbrett hinübergezogen und darauf mit einem breiten Brustgurt festgeschnallt; die Beine wurden in aufblasbare Röhren gesteckt, die Füße stießen an ein Brett, das im rechten Winkel aus der Liegefläche ragte. Man erklärte mir, daß sich diese Vorrichtung mit Hilfe eines Elektromotors um eine Achse schwenken ließ, so daß ich nach und nach aus der Horizontalen in die Vertikale kommen und meinen Kreislauf allmählich an die veränderten Druckverhältnisse gewöhnen könne. Wir tasteten uns behutsam vor, doch bei knapp 45° wurde mir flau im Magen und schwarz vor den Augen. Ich ließ mich schnell zurückschwenken und erholte mich glücklicherweise rasch, nur sah ich nun noch blasser aus als gewöhnlich. Nach einem Schluck schwarzen Kaffee und einer kurzen Pause nahm ich einen zweiten Anlauf. Diesmal erreichte ich genau 45° und hielt es sogar etwa zehn Minuten in dieser Position aus. Meine Therapeutinnen meinten, damit könnten wir fürs erste ganz zu­frieden sein, und wir würden uns am nächsten Tag wiederse­hen und weitermachen.

Nach einigen Tagen begann sich mein Kreislauf zu stabilisieren, und ich konnte immer steilere Winkel am Stehbrett „durch-stehen“. Das Querbett-Sitzen, das mich die beiden ersten Male, obwohl ich dabei von zwei Therapeutinnen gestützt worden war, innerhalb weniger Augenblicke zu Tode erschöpft hatte, begann allmählich erträglich zu werden, und nach etwa einer Woche konnte ich plötzlich ganz unerwartet die Zehen meines rechten Fußes bewegen, zwar nicht immer, wenn ich es versuchte, aber immer öfter. Nach zwei Wochen konnte ich in der Rückenlage bei aufgestellten Oberschenkeln meine Knie öffnen und schließen und sogar die Beine kräftig durchstrecken, wenn meine Füße in der Luft gehalten wurden. Ich trainierte wie ein Besessener, als ginge es um eine Goldmedaille.

Meine Therapeutinnen waren mit mir sehr zufrieden, ich konnte fast täglich bei der Visite dem Professor von neuen Fortschritten berichten und hatte Grund, auf das von mir bis dahin Erreichte stolz zu sein, aber ich durfte mich keineswegs auf meinen Lorbeeren ausruhen, ich würde auch hier, wie bei meiner Arbeit, meinen Perfektionismus voll ausleben, wenn auch auf einem völlig neuen Gebiet. Objektiverweise muß ich rückblickend allerdings feststellen, daß ich die spektakulärsten Erfolgserlebnisse und die für meine weitere Rehabilitation wahrscheinlich entscheidenden Veränderungen nicht meinen eigenen Anstrengungen, sondern der Technik und natürlich der Geschicklichkeit und Geduld meiner Therapeutinnen verdankte, die meine Arme und Hände über Elektroden mit Strom stimulierten und so meinen verkümmerten Nervensträngen die zur Wiederbelebung notwendigen Impulse gaben. Es war faszinierend, zum ersten Mal seit zwei Wochen zu beobachten, wie sich einer meiner Finger wieder zu bewegen begann, zwar zögernd und noch nicht meinem Willen gehorchend, aber immerhin! Daß es sich dabei ausgerechnet um den Mittelfinger meiner linken Hand handelte, fand die jüngste meiner drei „Golden Girls“, wie ich sie insgeheim nannte, besonders komisch. Mit einem schelmischen Grinsen, das ihre Grübchen gut zur Geltung brachte, flüsterte sie den beiden anderen verschwörerisch zu: „Jetzt können wir uns wenigstens sein Hobby vorstellen, was meint ihr?“ Jeden Tag kamen nun weitere Finger dazu, von denen ich bald einige sogar aus eigener Kraft bewegen konnte. Leider erwiesen sich gerade die für das Greifen so wichtigen Daumen als besonders hartnäckig und wollten lange Zeit überhaupt nicht auf die Stimulation reagieren. Außerdem wiesen der linke Daumen und Zeigefinger ein merkwürdig taubes Gefühl auf, das allerdings meinen Tastsinn nicht beeinträchtigte. Da ich nun die Finger nicht nur abbiegen, sondern auch strecken und steif halten konnte, gelang es mir nun auch bald, die Klingel zu betätigen und das Radio einzuschalten, zwei wirklich wesentliche Dinge, die mir ein bißchen Selbständigkeit und Unabhängigkeit sicherten.

Wie ich später hörte, haben Raucher zumeist den Ehrgeiz, sich möglichst bald ohne Hilfe eine Zigarette anzünden zu kön­nen, doch ich hatte andere Prioritäten. Als ein Vertreter einer Heilbehelfsfirma auf die Klinik kam, erkundigte ich mich bei ihm nach Hilfsmitteln, die mir trotz stark eingeschränkter Fingerfunktionen das Schreiben und Essen ermöglichen sollten. In einem der Kataloge, die er mir mitgebracht hatte, entdeckte ich einen Löffel mit einem kegelförmig verdickten Griff und zwei Gummibändern, die ihn an meinem Handgelenk fixieren würden, da ich noch nicht kräftig genug war, ihn in vollem Zustand festzuhalten. Weiters bestellte ich eine Plastikklammer, in der sich ein Schreibgerät von beliebiger Dicke in jedem gewünsch­ten Winkel befestigen ließ und das ich mir über das Handgelenk streifen konnte. Für einen Menschen wie mich, der sowohl pri­vat als auch beruflich immer viel zu schreiben hatte, war es eine Katastrophe gewesen, tagelang, ja wochenlang kein einziges Wort schreiben zu können, nicht einmal den eigenen Namen, der ja einen so wesentlichen Bestandteil der Identität ausmacht. Waren irgendwelche Formulare wie Fragebögen und Erlagscheine zu unterschreiben gewesen, hatte das meine Mutter für mich in Vertretung erledigen müssen. Ich fühlte mich wie entmündigt, ich fühlte mich nicht mehr als vollwertiger Mensch. Wer nicht seine Unterschrift leisten, ja nicht einmal die ominösen drei Kreuze auf ein Blatt Papier malen kann, der ist kein vollwertiger Mensch mehr, dachte ich, der ist auf das Niveau eines Säuglings zurückgefallen oder gar auf das eines Affen, aber sogar dem könnte man es mit etwas Geduld beibringen. Natürlich erscheint mir dieser Standpunkt heute als unsinnig, aber damals, in dieser frustrierenden und verzweifelten Lage doch verständlich. Jedenfalls konnte ich es kaum erwarten, daß der Vertreter mir diesen Schreibbehelf ins Spital brachte. Ungeduldig ließ ich ihn mir sofort über das Handgelenk streifen, mir einen steifen Tischkalender reichen und in einem idealen Winkel auf die Bettdecke legen. Voller Hoffnung, aber auch gleichzeitig mit einer gewissen Angst, begann ich meinen Namen zu schreiben. Würde es meinem Kopf gelingen, wenigstens den Arm, wenn schon nicht die Finger so präzise zu steuern, daß eine lesbare Schrift entstand? Tatsächlich erschien auf dem Papier mein Name, Buchstabe für Buchstabe, zwar wackelig und schief, aber doch eindeutig zu entziffern. Ich hatte es wirklich geschafft! Ich war so stolz, als hätte ich die größte Leistung meines Lebens erbracht, aber ich wollte mich damit längst noch nicht zufrieden geben. Es sollte mir vielmehr ein Ansporn für weitere Leistungen sein, die mich nach und nach wieder in einen „ganzen“ Menschen zurückverwandeln würden.

Wenn es ums Essen, beziehungsweise in meinem Fall ums Füttern geht, drängt sich die Assoziation mit einem Baby natürlich noch eher auf, ist gewissermaßen unvermeidlich. Der Vorgang des Essens ist ja ein äußerst intimer, privater, wie ich finde, ein zutiefst elementares Bedürfnis, und wohl jeder Mensch, aber auch jedes Tier möchte es möglichst ungestört und auf die ihm angenehmste Weise befriedigen, es völlig unter Kontrolle haben, den Ort, den Zeitpunkt, die Speise, die Menge, das Tempo bestimmen, was in der Regel auch zumeist möglich ist, aber doch nur als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird. Ich muß zwar einräumen, daß sich die Schwestern und Pfleger die größte Mühe gaben, mir diesen Vorgang angenehm zu gestalten und mir das Essen mit großer Vorsicht und Geduld einflößten, doch konnten sie beim besten Willen den Löffel nicht in dem für mich idealen, weil gewohnten, Winkel führen, und ich mußte das Tempo und den Rhythmus durch Nicken oder Kopfschütteln steuern. Nun, mit dem neuen Essbehelf, würde es zwar mühselig werden, aber ich würde wieder alles selbst „im Griff“ haben, wie ich es immer genannt hatte. Da ich das Handgelenk nicht steif halten konnte, mußte ich den Ellbogen viel höher als gewöhnlich, nämlich bis in Kopfhöhe, anheben, damit ich den Löffel wirklich zum Mund führen konnte. Auch das war jedoch nur im Sitzen möglich, da in liegender Position die Winkel und Dimensionen für mich noch ungünstiger gewesen wären. Auch stellten Suppen, besonders klare, dünnflüssige Suppen, auf die ich bald verzichtete, für mich ein spezielles Problem dar, da es mir mit den hängenden Handgelenken nur schwer gelang, den Löffel einigermaßen waagrecht zu halten und so das Verschütten der Flüssigkeit zu vermeiden. Dickere Saucen und feste Speisen (die ich mir allerdings vorher zerschneiden ließ) landeten jedoch zumeist ohne größere Schwierigkeiten dort, wo sie hingehörten und nicht auf der Serviette, die man mir vorsorglich umband. Getränke hatte man mir anfangs nur durch Trinkhalme verabreicht, oder aus Schnabelbechern mit einem Deckel, der dem Verschütten der Getränke vorbeugen sollte. Nun wollte ich versuchen, ob ich nicht einen solchen Becher, wenn er nicht zu voll war, mit beiden Händen zugleich vom Tisch heben und an den Mund führen könnte. Als mir auch das auf Anhieb gelang, wußte ich, daß ich wieder einen wichtigen „Schritt“ in Richtung Selbständigkeit getan hatte und daß es irgendwie weitergehen würde. Ich war noch nicht am Ende, wie es mein Vater gewesen war, es gab noch unendlich viel für mich neu zu erlernen, doch das vertrug sich ohnehin gut mit meiner Einstellung, daß man nie zu alt zum Lernen sei. In der Physiotherapie machte ich ebenfalls laufend kleine Fortschritte: Die Finger ließen sich immer besser bewegen und wurden kräftiger, man ließ mich mit Tennisbällen hantieren, sie zusammendrücken und werfen. Die Armmuskeln trainierte ich, indem ich mir kleine Sandsäckchen mit zunehmendem Gewicht um die Handgelenke schnallen ließ und dann die gestreckten Arme nach vorne hob oder die Arme abwechselnd beugte und streckte. Auch das Querbett-Sitzen fiel mir nun allmählich leichter, ich hielt es schon bis zu 10 Minuten aus, ohne dann anschließend bis zur Übelkeit erschöpft zu sein. Auf dem Stehbrett ließ ich mich auf immer steilere Winkel ein, beinahe bis zu 90°, ich wollte endlich dieser Froschperspektive der Liegeposition entrinnen und wenigstens den Gymnastikraum aus einem natürlichen Blickwinkel erleben. Außerdem war es wohl unumgänglich, daß sich mein Kreislauf langsam wieder normalisierte und stabilisierte, wenn sich mein Gesamtzustand entscheidend verbessern sollte.

Ab der zweiten Woche wurde ich nicht mehr in meinem Krankenbett vom Krankenzimmer zum Therapieraum geführt, sondern in einer Mischung aus Rollstuhl und Krankenliege, die sich mit Hilfe einer Hydraulik von der Waagrechten in jede beliebige Sitzposition verstellen ließ. Wenn ich die Therapie hinter mir hatte, blieb ich gleich sitzen und konnte so das Mittagessen am Tisch einnehmen, was für mich viel praktischer war und auch eine Normalisierung einer Standardsituation darstellte, die für mich psychologisch gesehen sehr wichtig war. Ich war nicht mehr ausgeschlossen, ich konnte mit den anderen Patienten an einem Tisch sitzen, mich an ihren Gesprächen beteiligen. Mein Appetit wuchs, das Essen machte mir wieder Spaß, was ja allgemein immer als gutes Zeichen der Genesung angesehen wird. Nach dem Essen ließ ich mich dann allerdings zumeist bald wieder „flachlegen“, da mich das Sitzen anfangs doch ziemlich ermüdete. Nachmittags, vor Beginn der Besuchszeit, legte ich jedoch großen Wert darauf, wieder aus dem Bett geholt zu werden, um meine Besucher sitzend empfangen zu können. Man sollte deutlich sehen, welche Fortschritte ich gemacht hatte, daß ich mich von diesem erschreckend hilflosen Geschöpf der ersten Tage weiterentwickelt hatte und daß man mich noch nicht abzuschreiben brauchte, wie gesagt wird. Wenn ich auch mit der Zeit längere Zeit ohne Ermüdungserscheinungen im Sitzen aushalten konnte, durfte ich deshalb nicht leichtsinnig werden. Obwohl meine Haut laufend eingecremt wurde und ich zur bes­seren Druckverteilung und Polsterung auf einem Gel-Kissen saß, mußte ich doch die Gefahr des Wundsitzens, eines Dekubitus, in Betracht ziehen, da ich ja meine Sitzfläche nicht wie jeder andere gesunde Mensch durch Aufstehen entlasten konnte. Auch hier stand mir das Schicksal meines Vaters als abschreckendes Beispiel allzu deutlich vor Augen, seine Betreuung in dem Altenheim, in das man ihn als „unheilbaren Pflegefall“, wie sich die Ärzte auszudrücken beliebt haben, abgeschoben hatte, war eine für seinen Zustand unzureichende gewesen, das Pflegepersonal war offensichtlich sowohl fachlich als auch von der Menge der Patienten überfordert gewesen, doch wäre es meiner Mutter ebenso wenig gelungen, ihn zu Hause zu pflegen, es wäre einfach über ihre Kräfte gegangen. Wie schon zuvor erwähnt, wurde ich alle zwei Stunden anders gelagert, da ich mich im Bett nicht selbst drehen konnte und der ständige Druck auf dieselben Körperpartien bald unangenehm wird und für die Haut gefährlich sein kann. Wie ich später erfuhr, gibt es verschiedene Systeme von Luftmatratzen, die bei Patienten wie mir die Pflege wesentlich erleichtern können, doch war diese Klinik leider in dieser Hinsicht nicht ausreichend ausgestattet, da man es hier anscheinend nur sehr selten mit so extremen Fällen zu tun bekam.

Man sagte mir, daß ich vielleicht schon bald in ein Rehabilitationszentrum verlegt werden würde, da ich bis jetzt so gute Fortschritte gemacht hatte. Dort sei man besser für die Pflege von Querschnittgelähmten gerüstet und verfüge über all die speziellen Hilfsmittel, die in einer „normalen“ Klinik nicht zu finden seien. Auch die Physiotherapie biete dort viel mehr Möglichkeiten für ein intensiveres Training, und ich würde mich dort noch schneller und besser erholen können als auf der neu­rochirurgischen Abteilung der Universitätsklinik. Der Antrag auf Übernahme in das Rehabilitationszentrum sei bereits gestellt, es werde aber doch noch eine Weile dauern, bis dort ein Bett frei werde, und es gebe erfahrungsgemäß immer eine ganze Reihe von Anwärtern für freie Plätze. Obwohl ich mich in dieser Umgebung wirklich wohl und bestens betreut fühlte, konnte ich nun meine Verlegung kaum noch erwarten, mein Ehrgeiz nach einem noch intensiveren Training und damit einer um so schnelleren Heilung war einfach zu groß. Ich würde zwar nicht mehr in meiner Heimatstadt untergebracht sein, sondern doch eine beträchtliche Strecke davon entfernt und würde daher wahrscheinlich nicht mehr so viel und oft Besuch bekommen wie bisher, doch die intensivere Therapie würde mich ohnehin voll in Anspruch nehmen und mir nicht allzu viel Zeit lassen.

Eines Tages teilte man mir mit, ein Herr von der Unfallversicherung werde mich demnächst aufsuchen, um mich zu den Umständen meines Unfalls zu befragen. Zuerst wußte ich nicht, worum es ging, da ich ja niemals eine Unfallversicherung abgeschlossen hatte, aus Skepsis, ja Mißtrauen jeder Art von Versicherungen gegenüber, die meiner Meinung nach ja doch nur gerne regelmäßig fette Prämien kassierten und die Städte mit Hilfe des so angehäuften Kapitals durch protzige Stahlbetonburgen verunstalteten, jedoch gar nicht so gerne zahlten, wie sie es in der Werbung immer behaupteten, wenn es tatsächlich zum Versicherungsfall kam. Dann erfuhr ich, daß es sich um die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt handle, bei der man gewissermaßen automatisch pflichtversichert ist, da immer ein kleiner Betrag vom Gehalt als Prämie einbehalten wird. Ich hatte nie an die Möglichkeit eines Unfalls und daher auch nie an die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer Unfallversicherung gedacht, es wäre mir immer als reine Verschwendung erschienen, als hinausgeworfenes Geld, wie man sagt. Ich war ja zeitlebens jedem Risiko aus dem Wege gegangen, hatte eigentlich alles vermieden, was zu einem Unfall hätte führen können, da ich keinerlei Sport trieb, nicht mit dem Auto fuhr und auch nicht mit Waffen oder Maschinen hantierte, die mir gefährlich werden hätten können. Vielmehr hatte ich mich insgeheim eher vor einer schweren, langwierigen Krankheit, vor dem endlosen Dahinsiechen im vorgerückten Alter gefürchtet, da ich gerade in letzter Zeit immer wieder unter verschiedensten gesundheitlichen Problemen, wenn auch keinen schwerwiegenden, so doch lästigen und zum Teil recht schmerzhaften, zu leiden gehabt hatte. Wenn ich an meine Großeltern oder an andere Senioren (es gibt ja keine „alten“ Menschen mehr) dachte, die ihre letzten Jahre mehr schlecht als recht in verschiedenen Pflegeheimen verbracht hatten, erschien mir ein hohes Alter alles andere als erstrebenswert. Es lag auch nicht in meiner Natur, meine Zukunft irgendwelchen Institutionen anzuvertrauen, ich wollte immer nach Möglichkeit alles selbst unter Kontrolle haben. Nun war ich natürlich froh, wenigstens auf diese Weise versichert gewesen zu sein und machte mir sogar Vorwürfe, keine Vorkehrungen in dieser Hinsicht getroffen zu haben. Auch sogar nach dem Unfall hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken an die Existenz einer Unfallversicherung ver­schwendet. Finanzielle Fragen waren mir angesichts meiner Lage doch nur allzu banal erschienen und in den Hintergrund getreten, obwohl mir sonst Geld immer wichtig, wenn auch nicht als das Wichtigste erschienen war. Nun wurde mir allerdings plötzlich bewußt, daß es gar nicht auszudenken gewesen wäre, hätte ich zum Zeitpunkt des Unfalls über keine Krankenversicherung und keine Unfallversicherung verfügt, ich wäre nicht nur physisch zerstört, sondern auch finanziell ruiniert gewesen, allein die Operation hätte schon ein Vermögen geko­stet, und auch mein zukünftiges Leben würde ziemlich kostspie­lig werden, wie mir allmählich klar wurde.

Man sagte mir auch, daß das Rehabilitationszentrum von der Unfallversicherung betrieben werde, deshalb wolle man mich wohl zu meinem Unfall befragen. Ein anderer Patient fragte mich dann, ob es ein Arbeitsunfall gewesen sei. Ein Arbeitsunfall? Warum spielte das eine Rolle? Es war doch egal, was für ein Unfall, für mich waren nur die Folgen entscheidend. Ich wurde sofort eines Besseren belehrt und erfuhr, daß es eine ganz entscheidende Rolle spielte, ob mein Unfall als Arbeitsunfall anerkannt würde oder nicht. Die finanziellen Konsequenzen seien überaus weittragend, wie mir mein Zimmerkollege versi­cherte. Sei es nämlich ein anerkannter Arbeitsunfall gewesen, stünde mir zusätzlich zu meiner Pension, denn die würde ich ja zweifellos aufgrund meiner Arbeitsunfähigkeit zugesprochen bekommen, eine Unfallrente zu. Außerdem würde die Unfallversicherung für alle Hilfsmittel, die ich nach der Rehabilitation zur Pflege und für das alltägliche Leben benötigte, zur Gänze aufkommen. Ich sah ein, daß das natürlich einen riesigen Unterschied ausmachte, und erkannte wieder einmal die Fragwürdigkeit der so genannten höheren, der akademischen Bildung, wenn sie einem nicht solche lebensnotwendigen Tatsachen vermitteln kann und einem statt dessen den Kopf mit den überflüssigsten und nebensächlichsten Informationen vollstopft und einen sozusagen dumm sterben läßt, zu einem weltfremden Fachidioten ausbildet, der dann auf andere Leute hinunterschaut, weil sie keinen akademischen Titel oder doch wenigstens die Matura haben. Man konnte in der Tat oft gerade von diesen einfachen Leuten, und darum handelte es sich bei meinen Zimmerkollegen, entscheidende, nützliche Dinge lernen, die einem die ihrerseits weltfremden Lehrer und Professoren in der Schule und an der Universität nicht beibringen würden. Na ja, direkt bei der Arbeit war es nicht passiert, das konnte ich eigentlich nicht behaupten. Ich war ja eine Stiege hinuntergefallen und zu diesem Zeitpunkt nicht mit irgendeiner Arbeit beschäftigt gewesen. Das sei auch nicht unbedingt erforderlich, wurde ich aufgeklärt. Es genüge schon, wenn es auf dem direkten Weg von oder zu der Arbeit geschehen sei. Erleichtert stellte ich fest, daß wenigstens das der Fall war. Ich hatte meinen Freund aufgesucht, aber nicht aus einem privaten Anlaß, sondern um bei ihm Entwürfe für Visitenkarten zu hinterlegen, die er einer mit ihm befreundeten Boutique-Besitzerin zeigen wollte. Ich nahm gerade an einem Umschulungsprojekt teil und war dabei, mich als Werbetexter und Marketing-Berater zu etablieren, und Wolfram hatte mir auf diese Weise einen Auftrag vermitteln wollen. Der Besuch bei ihm konnte also, genau genommen, als Geschäftstermin be­trachtet werden, und das würde ich auch dem Versicherungsagenten gegenüber geltend machen.

Tatsächlich wurde ich bereits am nächsten Tag, als ich wieder einmal völlig erschöpft von der Physiotherapie in mein Zimmer zurückkehren sollte und mich vor dem Mittagessen noch ein wenig ausruhen wollte, von diesem Versicherungsmann gewis­sermaßen überfallen und sozusagen einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen. Ob es wahr sei, daß ich bei meinem Freund ein Medikament für eine Freundin abgeholt und ihn aus diesem Grunde aufgesucht habe, wollte er von mir wissen. Es war mir unerklärlich, wie er von diesem Fläschchen mit einer homöopa­thischen Medizin erfahren haben konnte, das ich in der Tat bei dieser Gelegenheit mitgenommen und dummerweise gerade in dem Augenblick in die Manteltasche gesteckt hatte, als ich auf der Treppe gestolpert war. Ich konnte diese Frage nur bestäti­gen, versicherte aber, das habe sich nur zufällig so ergeben, weil mich diese Freundin gerade am gleichen Abend besucht und sich so einen Weg erspart hätte. Der Hauptzweck meines Besuches sei jedoch die Hinterlegung der Visitenkarten gewe­sen, es sei wohl nicht verboten, nebenbei jemandem eine pri­vate Gefälligkeit zu erweisen. Die Visitenkarten seien mittler­weile der Boutique-Inhaberin übergeben worden, der Termin genau in meinem Terminkalender vermerkt, das könne jederzeit nachgeprüft werden. Glücklicherweise wurde ich nach einer halben Stunde, während der ich jedes kleinste Detail der Umstände zu schildern hatte, von einem Oberarzt erlöst, der meine Erschöpfung bemerkte und mir sofortige Bettruhe verordnete. Dem eifrigen Herrn von der Versicherung blieb daraufhin nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden und mich zum Mittagessen zu entlassen, das die Schwestern unterdessen für mich auf ihre wie immer fürsorgliche Weise warm gestellt hatten. Mir war allerdings der Appetit beinahe vergangen, da mich diese Befragung, die mir wie ein Verhör erscheinen mußte, ziem­lich aufgeregt hatte. Ohne mich offen zu beschuldigen, hatte man mich durch die Art der Fragestellung doch wie einen poten­tiellen Versicherungsbetrüger behandelt. Ich wußte nun zwar, daß es um viel Geld ging, das die Versicherung selbstverständ­lich nur bei eindeutigem Rechtsanspruch zahlen würde, doch der bloße Gedanke, ich könnte den Unfall zu meinem finanziel­len Vorteil gewissermaßen inszeniert haben, erschien mir doch zu absurd, als eine ungeheuerliche Zumutung. Ich wußte, die Sache war noch nicht ausgestanden, man würde mich wenig­stens noch ein weiteres Mal befragen, ehe man eine Entscheidung fällte. Da ich ein reines Gewissen hatte, konnte ich dem aber wohl mit Ruhe entgegensehen, wie ich dachte. Ich hatte bisher immer das bekommen, was mir zustand, und ich würde dafür sorgen, daß das auch so bliebe. Mein Leben würde ohnehin schwer genug für mich werden, ich wollte mir nicht auch noch Sorgen um das Geld machen müssen.

War es wirklich unmöglich, daß ich jemals wieder arbeiten, mir selbst den Lebensunterhalt verdienen konnte, und würde ich tatsächlich für den Rest meines Lebens dem Staat auf der Tasche liegen, wie man sagt? Stephen Hawking kam mir in den Sinn, der geniale englische Physiker, der unwiderruflich von einer heimtückischen Krankheit an den Rollstuhl gefesselt war und keinen Finger rühren, ja nicht einmal ohne technische Hilfsmittel sprechen konnte. Sogar er konnte sich noch nützlich machen, mit seinen Geisteskräften die Materie bezwingen und so ein doch in gewisser Hinsicht sinnvolles Leben führen, dachte ich, doch im gleichen Augenblick erschien es mir als Größenwahn, mich mit diesem Genie zu vergleichen, ich durfte mir keine übertriebenen Hoffnungen machen, andererseits wollte ich mich aber auch nicht mit meiner Nutzlosigkeit und Hilflosigkeit abfinden und vorzeitig resignieren. Ich würde einfach mein Bestes geben und dann sehen, ob das genug war. War es das nicht, so hatte ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen und brauchte mir auch von keinem anderen etwas vorwerfen zu lassen. Jedenfalls wollte ich nicht bis an mein Ende der Allgemeinheit zur Last fallen und eine völlig nutzlose und sinn­lose Existenz führen. Was aber würde ich noch tun können? Meine Karriere als Marketing-Berater war zu Ende, bevor sie noch richtig begonnen hatte, denn dafür mußte man jung, dy­namisch und vor allem mobil sein. Als Werbetexter und Graphiker könnte ich in einem Büro vor einem PC sitzen, wenn ich wenigstens Tasten drücken konnte. Auch als Übersetzer könnte ich wieder arbeiten, das müßte sich sogar auch von zu Hause machen lassen, und natürlich würde ich auch Nachhilfe geben, dazu brauchte ich überhaupt nur zu sprechen. Für einen Kopfarbeiter und „Schreibtischtäter“ wie mich mußte es doch genügend Möglichkeiten geben, mich irgendwie sinnvoll zu be­tätigen und nicht völlig ins soziale Abseits abzudriften.

Die Chance, mich nützlich zu machen, kam tatsächlich viel schneller, als ich es erwartet hatte. Da die meisten der Ärzte und Schwestern bereits wußten, daß ich früher als Übersetzer und Sprachlehrer gearbeitet hatte und außer Englisch auch Spanisch sprach, erzählten sie mir von einer Patientin aus Südamerika, die in den nächsten Tagen erwartet wurde. Da dort ja hauptsächlich Spanisch gesprochen wurde, fragten sie mich, ob ich ihnen vielleicht ein bißchen helfen würde, wenn es Probleme mit der Verständigung gebe. Und ob ich das wollte! Endlich eine Gelegenheit, etwas Vernünftiges zu tun und gleichzeitig meine Dankbarkeit für die ausgezeichnete Betreuung zeigen zu können. Ich brannte richtiggehend darauf, die geheimnisvolle Südamerikanerin kennenzulernen und freute mich schon auf diese Begegnung. Ich ließ mir gleich mein Wörterbuch bringen, um mich gezielt vorzubereiten, indem ich einen Freund eine Wortliste mit speziellem Krankenhaus-Vokabular herausschreiben ließ. Weiters diktierte ich ihm einige Phrasen, die sowohl für Ärzte und Schwestern als auch für die Patientin von Nutzen sein konnten, und ließ das Ganze verviel­fältigen. Damit waren wir fürs Erste ganz gut gerüstet und brauchten nur noch auf den Gast aus Südamerika zu warten. Einige Tage darauf, nach dem Abendessen, führte eine Schwester eine Frau ins Zimmer, die durch ihr exotisches Aussehen sofort als die erwartete Patientin zu erkennen war. Ihre braune Haut, die indianisch geschnittenen Gesichtszüge und ihr blauschwarzes, langes Haar verrieten gleich ihre Herkunft. Sie war eher klein und schlank, mochte wohl etwas über 30 sein und machte einen völlig verzweifelten und verängstigten Eindruck, ihre Augen waren voller Tränen.

„? Buenas tardes, Señora, como estas?“

Als ob ich einen Lichtschalter angeknipst hätte, leuchtete ihr Gesicht plötzlich auf, ihre Augen strahlten, und sie trat an mein Bett.

„? Hablas tu español, de verdad?“ -

„Un poco, yo soy el traductor.“

Sofort hatte sich zwischen uns ein Gespräch entwickelt, und sie erzählte mir, daß sie aus Argentinien kam, an einem Hirntumor litt und sich hier vom Primar, der anscheinend auf die­sem Gebiet eine Kapazität von Weltruf war, nach einer völlig neuen Methode operieren lassen wollte. Sie hieß Monica, war 35, verheiratet, und hatte vier Kinder. Der Tumor war zwar wahrscheinlich noch nicht sehr groß und nicht bösartig, doch litt sie ständig unter furchtbaren Kopfschmerzen, Übelkeit und Sehstörungen. Dazu kam noch, daß sie sich hier sehr einsam fühlte, niemanden verstehen konnte und auch von niemandem verstanden wurde. Daher hatte sie sich trotz der enormen Kosten stundenlang nur ans Telefon geklammert und mit ihrer Familie gesprochen, die in einer Stadt nahe der paraguayani­schen Grenze lebte, nicht weit von den berühmten Iguacu-Fällen. Ich gab ihr nun die vorbereitete Wortliste und ergänzte sie noch um die Phrasen, die sie am dringendsten benötigte, um sich mit dem Pflegepersonal zu verständigen. Ich konnte sehen, wie erleichtert sie war, endlich ihre Isolation durchbrechen zu können, und wie sie sich allmählich beruhigte und entspannte. Ich erzählte ihr von meinem Unfall und seinen Folgen, meiner Therapie und meinen Hoffnungen auf Genesung. Sie vertraute mir an, sie sei sehr religiös, natürlich streng katholisch und gehe regelmäßig zur Kirche. Sie habe unentwegt voller Gottvertrauen um ihre Heilung gebetet und schließlich den Weg hierher gefun­den, und sie versprach, auch für meine Heilung zu beten. Obwohl ich selbst nicht gerade religiös bin und eher mit dem Schicksal haderte, warum mich mein Schutzengel nicht besser beschützt habe, war ich doch gerührt. Monica erschien mir wie ein großes Kind, voll naiven Glaubens und Vertrauens und mit überschwenglichen Gefühlen, wie sie wohl für Menschen aus Lateinamerika typisch sind, und ich beneidete sie in gewis­ser Hinsicht darum. Vielleicht wäre das Leben mit einem so star­ken Glauben leichter zu ertragen, sagte ich mir, aber als „zivilisierter“ Mitteleuropäer und „Taufscheinchrist“ hatte ich mich eben daran gewöhnt, mich hauptsächlich auf meinen Verstand zu verlassen, wenn auch dabei meine Gefühle manchmal zu kurz gekommen waren.

Monica besuchte mich nun regelmäßig, und bald waren wir gute Freunde geworden, die einander ihre Ängste und Sorgen an­vertrauten und Mut machten. Sie wurde auf das Genaueste mit allen möglichen Geräten untersucht und durchleuchtet, bevor man die Operation mit dem Gamma-Knife vorbereitete, das an­geblich noch viel präziser und wirksamer schneiden kann als ein Laserstrahl. In Wahrheit wird es nur anhand der Untersuchungen programmiert und führt die eigentliche Operation dann computergesteuert und vollautomatisch aus. Der Kopf des Patienten muß dabei buchstäblich am Operationstisch festgeschraubt werden, damit es zu keinem Verwackeln kommen kann. Ich versicherte ihr immer wieder, sie sei hier in den besten Händen und es würde alles gut gehen, aber ihre Schmerzen trübten doch oft ihr im Grunde fröhliches und temperamentvolles Naturell, und auch ich machte mir insgeheim Sorgen um den Erfolg der Operation, die ja schließlich keine Kleinigkeit war und über Leben und Tod entscheiden konnte. Nach zwei weiteren Tagen war es schließlich so weit. Ich wußte, sie hatte sich mit Gebeten auf diese entscheidende Stunde vorbereitet, und auch ich war versucht, um ihre Heilung zu beten, aber zu wem? Zu einem höheren, allmächtigen Wesen, das trotz seiner angeblichen Liebe und Gerechtigkeit überhaupt diese furchtbare Krankheit und auch meinen Unfall zugelassen hatte? Das Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen zuließ, dachte ich in einem Anflug von Zynismus, da fällt einem das Glauben schon schwer. Warum passierte so etwas nicht Kriegsverbrechern, Kinderschändern und Drogenhändlern? Aber es hatte wohl keinen Sinn, sich mit solchen bitteren Gedanken zu belasten, ich mußte weiterhin positiv denken und wenigstens an mich selbst glauben, an meinen Willen zur Gesundung.

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ war vielleicht kein schlechter Rat, es brachte nichts, die Schuld anderen zu geben und sich auf andere zu verlassen. Ich würde natürlich Hilfe benötigen, aber die treibende Kraft, zumindest aus dem Kopf, mußte von mir ausgehen. Auf diese Weise hatte ich schon in der Vergangenheit die meisten meiner Probleme und Krisen gemeistert, und so sollte es auch jetzt bleiben.

Verbissen trainierte ich nicht nur im Turnsaal, sondern auch im Krankenzimmer, da ich mir die Sandsäckchen mitgeben hatte lassen, um nur ja keine Zeit mit müßigem Herumsitzen zu ver­schwenden. Auch die Schreibübungen betrieb ich mit einem Eifer, wie ich ihn seit meinem ersten Jahr in der Volksschule nicht mehr gekannt hatte, und die Ergebnisse ließen sich schließlich auch mit meinen damaligen vergleichen: Brav und fein säuberlich malte ich Buchstaben um Buchstaben, Wort für Wort aufs Papier, wobei es mir sogar gelang, die Zeilen und die Höhe der Zeichen genau einzuhalten. Es war eine gut leserliche Schrift, aber es war nicht wirklich meine, wie ich sie gewohnt gewesen war. Es fehlte der Schwung, die aggressive Dynamik, die lässige Schlampigkeit, die aus meinem hektischen Lebensstil heraus entstanden war. Ich hatte wieder die Schrift des sechsjährigen Kindes, das von seiner Lehrerin immer für sein sauberes Schriftbild gelobt worden war, aber das belu­stigte mich nur, damit konnte ich leben, wenn ich mich nur auf anderen Gebieten vom hilflosen Kind zum selbständigen Erwachsenen zurückentwickeln konnte. Es gab so viel neu zu erlernen, was für jeden anderen alltäglich und selbstverständlich war, die banalsten Tätigkeiten, die man ohne zu denken aus­führte und die doch für ein angenehmes oder doch wenigstens erträgliches Leben unerläßlich waren. Ich fragte mich nur, ob dazu mein Wille ausreichen würde, ob der Geist tatsächlich die Materie beherrschen konnte oder ob er der beweglichste Teil an mir bleiben würde, gefangen in einem unnützen und ungeschickten Körper. Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, dachte ich. Wie viele kranke Geister stecken in kerngesunden, wohlproportionierten Körpern mit durchgestylten Hüllen, die nicht mehr Tempel der Seele sind, sondern dem Kult der Schönheit und Fitness geweiht werden, und wie lange konnte ein gesunder Geist seine Gesundheit in einem gelähmten, verkrüppelten Körper bewahren?

Aus Erfahrung wußte ich, wie belastbar und robust meine Psyche war. Intrigen und Verleumdungen bei der Arbeit, kaputte Beziehungen mit unerfreulichem Ende, längere Phasen der Einsamkeit und Kursstürze an den Börsen, alles Erfahrungen, die andere, labilere Charaktere an den Rande des Nervenzusammenbruchs oder auf die Couch eines Psychiaters treiben würden, hatten mich nie ernsthaft erschüttern können. Ich hatte alles verdaut, hatte mich nicht entmutigen lassen und mich immer wieder zu neuen Herausforderungen aufgerappelt. Was einen nicht umbringt, macht einen nur noch härter, lautete die Devise.

Würde es auch dieses Mal so sein, würde ich mich auch von diesem Schicksalsschlag, dem bisher härtesten meines Lebens, ebenso erholen wie von allen anderen davor? Ich bin kein „Untergeher“, sagte ich mir, sondern ein „Überlebens-Künstler“, das hatte ich mir und allen anderen schon oft genug bewiesen, und ich würde es auch jetzt wieder beweisen. Wie oft hätte ich einen „guten Grund“ gehabt, mich mit Alkohol oder Psychopharmaka „aufzumuntern“ oder zu betäu­ben, oder gar einen „Grund“, mir das Leben zu nehmen, wie es immer wieder aus so banalen Anlässen wie einem leichten Blechschaden oder einem Führerscheinentzug nach einem aus Leichtsinn verschuldeten Unfall vorkommt, da das vergötterte rol­lende Statussymbol tatsächlich zum Lebensinhalt geworden ist und nun für den Betroffenen eine Welt zusammenbricht. Der Wille zum Sinn, wie der Logotherapeut Viktor Frankl es nannte, ist gerade in unserer anscheinend so rationalen Wohlstandsgesellschaft immer mehr Menschen abhanden ge­kommen, die Selbstmordstatistiken, bei denen Österreich stets in den „Medaillenrängen“ aufscheint, belegen dies eindrucks­voll. Wie anders dagegen der Lebenswille von Menschen, die selbst trotz widrigster Umstände einen Grund zum Weiterkämpfen finden, doch wenn man von jemandem ge­braucht wird und auch noch einen unerschütterlichen Glauben hat, ist es sicherlich einfacher.

Als Monica nach der Operation aus der Narkose erwachte, ließ ich mich in ihr Zimmer bringen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie hatte zwar noch leichte Kopfschmerzen, doch die übrigen Beschwerden waren verschwunden. Auch die postoperativen Aufnahmen bestätigten den komplikationslosen und anscheinend erfolgreichen Verlauf des Eingriffs. Es sah so aus, als sei ihr Glaube, Optimismus und auch der enorme fi­nanzielle Einsatz gerechtfertigt gewesen, als habe sich die weite Reise nach Österreich wirklich gelohnt. Sie sagte, sie sei nun ein zweites Mal geboren, habe ein neues Leben geschenkt bekommen und danke Gott und allen Menschen, die dazu bei­getragen hatten. Als der Primar, der die Operation geleitet hatte, bei der Visite in ihr Zimmer kam, schaute sie ehrfürchtig und dankbar zu ihm auf und flüsterte „ Manos de Dios !“ (Die Hände Gottes). Der Primar, der sie offenbar dank seiner Lateinkenntnisse verstanden hatte, verzog sein Gesicht und sagte zu den Ärzten und Krankenschwestern, die ihm wie eine Prozession folgten, er lege auf solch einen Titel keinen Wert, er glaube nur an sein eigenes Wissen und seine Geschicklichkeit. Natürlich wollte ich diese Äußerungen nicht übersetzen, son­dern ersetzte sie durch einige nichtssagende Floskeln. Ich mußte auch an die ungeheuren Summen denken, die dieser „Gott in Weiß“ an dieser und anderen Operationen verdient hatte und fragte ihn, „Würde Ihnen manos de oro (goldene Hände) besser gefallen?“, worauf er mir mit einem schiefen Lächeln zunickte und das Krankenzimmer verließ. Monica mußte noch einige Tage zur Beobachtung bleiben, die winzige Wunde, die von der Operation stammte, erforderte jedoch keine weitere Pflege, die einen längeren Aufenthalt an der Klinik not­wendig gemacht hätte. Sie wollte anschließend noch ihren Aufenthalt in Österreich für eine kurze Besichtigung von Wien und Salzburg nützen und dann nach Rom reisen, von wo sie einen direkten Flug nach Buenos Aires hätte. Als es Zeit für den Abschied wurde, umarmte sie mich stürmisch und versprach, mir gleich nach ihrer Heimkehr zu schreiben. Tatsächlich stehen wir noch immer in Kontakt und schreiben einander etwa einmal pro Monat, was sich auf mein Spanisch positiv ausgewirkt hat. Es geht ihr noch immer gut, und alle bisherigen Nachuntersuchungen sprechen für eine vollständige Heilung, die für sie und ihre Familie ein wahres Wunder bedeutet.

Verständlicherweise wagte ich es nicht, auch für mich eine hun­dertprozentige Genesung zu erhoffen, ich bin zu sehr Realist, um an Wunder zu glauben, und der Grad meiner Verletzung würde in der Tat ein Wunder erfordern. Mein Leben wird für mich nie mehr so wie vor meinem Unfall sein, das ist mir klar, aber wie weit werde ich mich wieder an den Normalzustand heranarbeiten können, was ist unter Ausschöpfung aller Mittel der Schulmedizin, alternativer Heilmethoden und meines persönlichen Einsatzes überhaupt möglich und denkbar? Was wird mir der Aufenthalt in dem Rehabilitationszentrum bringen, werde ich dort wirklich so große Fortschritte machen, wie sie mir alle versprechen? Diese und ähnliche Fragen gingen mir während der letzten Tage an der Klinik immer wieder durch den Kopf, als ich mich auf meine Verlegung vorbereitete.

Schließlich war es soweit; nachdem ich mich noch bei allen Ärzten, Schwestern, Pflegern und Therapeutinnen bedankt und verabschiedet hatte, wurde ich von zwei Sanitätern des Roten Kreuzes abgeholt, auf einer Tragbahre, so wie ich gekommen war, und in einem Ambulanzwagen in das Rehabilitationszentrum gefahren, wo man mich schon erwartete. Wie oft hatte ich an diesem Ort meinen Vater besucht, selbst halb gelähmt vor Entsetzen und Mitleid angesichts des überall sichtbaren Elends, nicht ahnend, daß ich einmal selbst als Patient hier landen würde, die Duplizität der Fälle war einfach zu grotesk. Man hatte inzwischen die ganze Anlage großzügig renoviert, ausgebaut, um ein völlig neues Gebäude erweitert; Marmorböden, Wandmosaike, Springbrunnen und eine kühne Dachkonstruktion schufen eine ästhetisch ansprechende, lichtdurchflutete Weiträumigkeit, die aus der Rückenlage auf der Tragbahre noch beeindruckender wirkte. Das also würde nun für längere Zeit, wahrscheinlich mindestens ein halbes Jahr, mein neues Zuhause sein. Erinnerungen an meine Zeit beim Bundesheer stiegen auf, acht Monate meines Lebens, die für immer sinnlos vergeudet waren, acht Monate, die mich aus meinem mir so heiligen Privatleben herausgerissen und in die tiefste Provinz verbannt hatten, weg von meinen Freunden, meinen Büchern, meiner Musik, mitten unter Leute, mit denen ich nichts gemeinsam hatte als die gleiche häßliche Uniform und mit denen ich auch sonst nichts zu tun haben wollte. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich durch meinen Unfall nicht nur weitgehend arbeitsunfähig, sondern auch im höchsten Grad wehruntauglich geworden war, selbst für das allerletzte Aufgebot, den so genannten Volkssturm, nicht mehr zu gebrauchen war, was wahrscheinlich noch den positivsten Aspekt meines Zustandes darstellte und mich irgendwie belustigte. Nun war meine Ausbildung an der Waffe endgültig und auch für den dümmsten Militaristen offensichtlich zur reinen Zeit- und Geldverschwendung degradiert.

Ich wurde in einen geräumigen Lift geschoben, der uns in die zweite Etage brachte. Hier lag die Station der Querschnittgelähmten, also der am schwersten Behinderten in der Patienten-Hierarchie. Die Stationsschwester nahm mich in Empfang, überprüfte meine Personalien und ließ mich dann von zwei Pflegern in mein Zimmer bringen. Ich sah, daß es nur drei Betten gab, was einen Fortschritt zu dem Sechsbettzimmer in der Klinik und natürlich auch zum Schlafsaal im alten Trakt darstellte, in dem mein Vater untergebracht gewesen war. Ich wurde in das Bett am Fenster gelegt, im mittleren Bett lag ein älterer Mann im dritten Bett lag ein junger Mann, der etwa sechzehn sein mochte. Er hätte am Tag meines Eintreffens entlassen werden sollen, hatte sich aber gerade am vorletzten Tag einen Dekubitus, eine offene Stelle am Gesäß zugezogen, da er viel zu lange im Rollstuhl sitzen geblieben war, noch dazu auf einer Falte seines Sitzkissens. So bekam er einige Wochen Bettruhe verordnet, noch dazu in Bauchlage, was die Sache noch unangenehmer machte. Ich nahm mir vor, nie ein derartiges Risiko einzugehen und dieses abschreckende Beispiel immer im Bewußtsein zu behalten. Ich würde also strikt darauf achten, daß ich immer richtig und nie zu lange im Rollstuhl saß. Immerhin hatte ich den Vorteil, am ganzen Körper alles ziemlich deutlich zu spüren und sollte so wohl rechtzeitig auf irgendwelche Beschwerden reagieren können. Meine Lage war so schon unangenehm genug, ich durfte sie nicht noch durch Fahrlässigkeit zusätzlich verschlimmern. Ich bemerkte, daß gegenüber den Betten ein Fernsehgerät montiert war, mit dem man anscheinend mehrere Kabelprogramme empfangen konnte; es würde mir also nicht langweilig werden, wenn es nichts anderes zu tun gab.

Der Mann neben mir, der weit über siebzig, wenn nicht gar achtzig sein mußte, begann mich gleich auszufragen, nicht behutsam und taktvoll, sondern so, als habe er ein Recht dazu, schon allein auf Grund unseres Altersunterschiedes, und als sei er es gewohnt, über andere Leute zu verfügen, sich über sie und ihre Gefühle hinwegzusetzen. Auch die Narbe an seiner linken Wange, wahrscheinlich von einer Mensur, ein so genannter „Schmiß“, der mich in ihm einen ehemaligen Burschenschaftler in einer schlagenden Verbindung vermuten ließ, machten ihn mir nicht sympathischer. Als er einen Pfleger rief und sich von ihm eine Kanne Tee bringen ließ, wurde er von diesem als Herr Oberst tituliert, worauf mir plötzlich alles klar wurde: Da hatte ich ja einen reizenden Zimmergenossen gefunden, der selbst in seinem erzwungenen Ruhestand noch kommandieren wollte, obwohl er doch schon längst nichts Respekteinflößendes mehr an sich hatte und nichts als ein hilfloses, unbewegliches Wrack war. Ich jedenfalls würde nicht vor ihm salutieren und stramm stehen, selbst wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, dachte ich.

Auf dem Bildschirm erschien eine Gruppe von schwarzen Musikern, die eine interessante Mischung aus Soul, Jazz und Reggae spielten, und ich stellte mir vor, wie ich mich früher zu dieser Musik bewegt hätte, wie ich den Rhythmus mit meinem ganzen Körper aufgenommen hätte, doch mir war klar, daß diese Klänge meinem Nachbarn nicht gefallen würden. Zum Glück konnte er die Fernbedienung ebenso wenig erreichen wie ich, dachte ich schadenfroh, er würde sie also wohl oder übel aushalten müssen. Ich war jedenfalls überhaupt nicht überrascht, daß er sich sogleich lautstark und empört über „diese Urwaldmusik von diesen schwarzen Affen“ ausließ und noch einige andere rassistische Bemerkungen folgen ließ, um dann nahtlos auf das Ausländerproblem in Österreich überzugehen. Ich bekam die aus Wahlreden Haiders sattsam bekannten Parolen zu hören, die mich gewöhnlich maßlos ärgerten und sofort zum Widerspruch reizten, doch hielt ich mich zurück, wollte diesen Mann keiner Antwort würdigen, die er anscheinend auch gar nicht wirklich erwartete, da er mittlerweile richtig in Schwung gekommen war und seiner Empörung und seinem Haß völlig freien Lauf ließ. Die „nichtsnutzigen, faulen und disziplinlosen jungen Leute, die nichts als Rauschgift und Schweinereien im Kopf haben“ und „das arbeitsscheue Gesindel, das nur dem ehrlichen Steuerzahler auf der Tasche liegt“ waren konsequenterweise die nächsten Opfer seiner Haßtiraden. Schließlich beklagte er sich noch, die meisten Ärzte seien ja doch nur „unfähige Pfuscher, vor denen man Angst haben muß“ und die Schwestern in der Regel „faul und schlampig“.

Je länger ich zuhörte, desto faszinierender fand ich den Redeschwall des alten Mannes. War er schon immer so feindselig und verbittert gewesen, oder hatte ihn erst seine Behinderung so gemacht, und würde ich auch einmal so werden wie er? Ich konnte beim besten Willen für diesen Mann, der ja in gewisser Hinsicht mein Leidensgenosse war, nicht das Mitgefühl und Verständnis aufbringen, das ich normalerweise stets für Kranke und Behinderte empfunden hatte. Ich konnte mir nämlich nur zu gut vorstellen, wie der „Herr Oberst“ seine Untergebenen schika­niert und gedemütigt haben mußte und daß seine menschen­verachtende Arroganz vielleicht vielen das Leben zur Hölle ge­macht hatte. Ich mußte auch daran denken, daß er mit großer Wahrscheinlichkeit im Krieg Menschen eigenhändig getötet oder wenigstens in den Tod geschickt hatte, ohne deswegen Reue zu empfinden, da er ja nur wie manch anderer „seine Pflicht“ getan hatte. Ich teilte zwar nicht die Ansicht, daß alle Soldaten Mörder seien, doch hielt ich jeden, der freiwillig eine Uniform trug und eine militärische Karriere anstrebte, zumindest für einen fragwürdigen Charakter, der seinen Teil zum Unglück dieser Welt beitrug. Es war zu erwarten, daß ich früher oder später meine Abneigung gegenüber meinem Bettnachbarn nicht mehr verbergen können würde und es zu einem offenen Konflikt kommen mußte, da es mir im allgemeinen schwer fiel, meine Gefühle zu verheimlichen. Das konnte ja heiter werden, wenn mein Aufenthalt hier schon so begann. Ich hatte ja eigentlich ganz andere Sorgen und sicherlich nicht die Kraft und die Nerven, mich auf einen lächerlichen Privatkrieg einzulassen; vielmehr mußte ich mich mit aller Entschlossenheit voll auf meine Therapie und meine Rehabilitation konzentrieren und alles an­dere ignorieren, wollte ich jemals wieder ein einigermaßen normales Leben führen. Zum Glück stellte sich bereits am folgenden Tag heraus, daß der Herr Oberst nur zu einer kurzfristigen urologischen Routineuntersuchung, dem sogenannten Uro-Check, wie das im Hausjargon hieß, gekommen war und schon zu Mittag wieder von der Rettung abgeholt wurde. Sein Platz wurde von einem etwa fünfzehnjährigen Burschen eingenom­men, der sich den ganzen Tag lang über die Kopfhörer eines tragbaren CD-Players mit voller Lautstärke Techno-Rhythmen ins Gehirn hämmern ließ. Da ich mittlerweile meinen eigenen Walkman (wenn auch mit großer Mühe) bedienen konnte, störte mich das nicht weiter; ich war schon froh, in keine Konflikte verwickelt zu werden und für mich bleiben zu können.

Schließlich hatte der Oberarzt, offenbar ein recht freundlicher, wenn auch etwas nervöser und hektischer Mann, Zeit gefun­den, an mir die Aufnahmeuntersuchung durchzuführen. Wie ich bald feststellte, war er Kettenraucher und ließ keine Gelegenheit ungenützt, seinen Organismus mit Nikotin zu vergiften. Auf allen Gängen waren an den Wänden Aschenbecher montiert, die zumeist fast überquollen, weil das Reinigungspersonal mit dem Entleeren kaum nachkam. In seinem Arbeitszimmer war die Luft stets „zum Schneiden“, wie man sagt, weil es ständig von dichten Rauchschwaden erfüllt war, und der ekelhafte Gestank von kaltem Rauch hatte sich in den Vorhängen festgesetzt. Als später, nach einigen Monaten, ein rauchender Zimmergenosse nach einer Operation bettlägerig geworden war, erhielt er - zu meiner Empörung, wenn auch nicht Überraschung - Raucherlaubnis im Bett und somit im Krankenzimmer, das ich als Nichtraucher mit ihm zu teilen hatte. Dieser für seine Suchtkollegen so verständnisvolle Mediziner schien angesichts des Grades meiner Verletzung über meinen relativ guten Zustand erstaunt zu sein, wollte sich aber keine Prognosen über meine weiteren Genesungschancen entlocken lassen. Es sei noch viel zu früh, etwas Konkretes zu sagen, doch habe es bei inkompletten Lähmungen wie in meinem Falle schon beachtliche Fortschritte gegeben, wenn auch oft erst nach langer Zeit. Er verordnete mir eine Unzahl von Medikamenten, darunter Antidepressiva, die anscheinend in dieser Phase beinahe routinemäßig verschrie­ben werden, von denen mir jedoch mein Hausarzt, der eher auf Homöopathie setzte, entschieden abriet. Ferner Antibiotika gegen Harnwegsinfekte und Abführmittel, da ich we­gen meiner Mastdarmlähmung unter Verstopfung litt.

„Am besten nehmen Sie Früchtewürfel, Dulcolax-Zäpfchen und Abführ-Dragees, braune Waldheim.“ - „Waldheim? Und noch dazu braun? Soll das ein Witz sein?“ -

„Nein, die heißen wirklich so. Es gibt auch grüne, aber die werden für Sie wahrscheinlich zu schwach sein.“ -

„Na gut. Sind Sie sicher, daß die keine Nebenwirkungen haben, Gedächtnisverlust zum Beispiel?“ -

„Wie meinen Sie? ... ach so, ich sehe schon, Sie gehören zu der ganz boshaften Sorte, da muß man ja höllisch aufpassen!“

Er drohte mir scherzhaft mit dem Zeigefinger und zwinkerte mir zu. Dabei hatte ich nicht einmal gesagt, daß ich die meisten Politiker nicht nur zum Kotzen fand, sondern daß schon allein das tägliche Anhören von Wahlreden und Interviews sogar meine Darmträgheit beheben hätte können.

„Mit der Physiotherapie werden wir eher vorsichtig anfangen, damit wir Sie nicht zu sehr belasten. In den ersten Tagen wird die Therapeutin aufs Zimmer kommen und Sie nur einmal im Bett durchbewegen. Dann werden wir einen Therapieplan festlegen und Sie mobilisieren.“-

„Mobilisieren?“ -

„Sie bekommen einen Rollstuhl, werden kurz herausgesetzt, damit sich der Kreislauf langsam umstellen kann, und lernen mit dem Rollstuhl zu fahren. Ich werde Ihnen gleich unsere Ergo-Therapeutin heraufschicken, damit sie Ihnen ein passendes Wagerl aussucht. Sie wollen doch nicht ewig im Bett liegen bleiben, oder?“

Meine Größe von 185 cm erwies sich als Problem, da die meisten Rollstühle für kleinere Patienten gebaut waren und auch die Konstruktion der restlichen Fahrzeuge einem Anfänger, noch dazu einem mit meiner schweren Behinderung, kaum zuzumuten war. Glücklicherweise war die Ergo-Therapeutin auch eine äußerst geschickte und einfallsreiche Bastlerin, die das Vorurteil, alle Frauen hätten ein gestörtes Verhältnis zur Technik, eindrucksvoll widerlegen konnte. Jedenfalls gelang es ihr wirklich, ein einigermaßen brauchbares Gefährt für mich aufzutreiben und es auf meine Bedürfnisse zurechtzubauen. Ich war ja schon in der Universitätsklinik hin und wieder gesessen, aber noch nie in einem Rollstuhl. Natürlich war mein Gleichgewichtssinn noch gestört, darum wurde ich mit einem Sicherheitsgurt quer über die Brust an der Lehne fixiert. Selbst konnte ich meine Sitzposition damals noch nicht verändern, und auch die erfahrenen Pfleger und Therapeutinnen, die mich in den Rollstuhl setzten, konnten mich nur schwer in eine akzeptable Sitzhaltung bringen. Wahrscheinlich kann jeder nur selbst spüren, welche Lage für ihn die angenehmste ist, kein Mensch kann sich in das Körpergefühl eines anderen hineindenken, schon gar nicht den Zustand eines Querschnittgelähmten vorstellen. Ich konnte mich zwar nicht in einem Spiegel sehen, doch die Kommentare und das Kopfschütteln der altgedienten, langjähri­gen Rollstuhlfahrer machten mir klar, daß ich ein Bild des Jammers bieten mußte, wie ich da schief und krumm in meinem Rollstuhl hing. Erwartungsgemäß war auch die Fortbewegung anfangs äußerst mühsam. Erstens war meine Armmuskulatur noch nicht ausreichend trainiert und mein linker Arm noch schwächer als der rechte. Daher fiel es mir schwer, durch gleichmäßiges Antreiben eine gerade Linie zu halten, weshalb ich des öfteren an die Seitenwände des Ganges stieß, in dem ich meine ersten Fahrversuche unternahm. Außerdem brachte meine schlechte Körperhaltung, die wahrscheinlich auf die damals noch ziemlich schwache Rückenmuskulatur zurückzuführen war, auch eine schlechte Kraftübertragung durch ungünstige Hebelwirkung mit sich. Später, als ich aufrechter und gerader saß, konnte ich mit geringerem Kraftaufwand ein höheres Tempo erzielen, was allerdings nicht viel heißen wollte, da ich immer einer der langsamsten Rollstuhlfahrer im ganzen Haus blieb. Da der Weg von meinem Zimmer bis in den Therapie-Pavillon ziemlich weit war, mußte ich in den ersten Tagen von Schwestern dorthin geschoben werden, sonst wäre ich wahrscheinlich erst gegen Ende der Therapiezeit dort angekommen.

Die Physiotherapie an der Universitätsklinik war sehr intensiv gewesen, daher war ich anfangs etwas enttäuscht, weil ich nicht genauso stark oder noch stärker gefordert wurde als vorher und weil das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Patienten und Therapeutinnen ungünstiger war, als ich es erwartet hatte. Während ich an der Klinik immer eine Therapeutin, ja manchmal sogar zwei für mich allein gehabt hatte, mußte ich nun oft meine Therapeutin noch mit mindestens einem Patienten teilen und mich unterdessen allein beschäftigen. Überhaupt war hier an­scheinend Eigeninitiative gefordert, doch je schwächer und ungeschickter man war, um so mehr Hilfe benötigte man auch, um durch intensiveres Training stärker und geschickter und damit selbständiger und unabhängig zu werden. Die meisten Geräte waren nämlich gerade für „Frischlinge“ wie mich entweder zu schwer oder nicht zu errei­chen. Man kann für diese unbefriedi­gende Situation auf keinen Fall die Therapeuten verantwortlich machen, die zweifellos in der zur Verfügung stehenden Zeit ihr Bestes geben und versuchen, ihre Aufmerksamkeit einigermaßen gerecht auf die vielen Patienten aufzuteilen, doch müßten wenigstens einige zusätzliche Planstellen geschaffen werden, um eine intensivere Betreuung zu gewährleisten. Leider scheint, wie fast überall, gerade für das Personal immer am wenigsten Geld vorhanden zu sein, während für luxuriöse Dekorationen und prestigeträchtige Technik viel eher Unsummen ausgegeben werden, die letztendlich den Betroffenen kaum oder gar nicht zugute kommen.

Die Ausstattung der Therapieräume unterschied sich nicht wesentlich von der in der Klinik: Gymnastikliegen mit verstellbaren Kopfteilen, Polster und Rollen zur individuellen Lagerung, Sprossenwände, ein Barren sowie diverse Gewichte, Sandsäckchen und Bälle. Außerdem gab es noch einen großen Vorraum mit Seilzugmaschinen, einem Stehbrett und einem Stehtisch. Noch vor der Physiotherapie war als allgemeines Pflichtprogramm eine Viertelstunde Atemgymnastik vorgesehen, zumeist im Freien, solange das Wetter es nur irgendwie zuließ. Obwohl sie allen Patienten verordnet worden war, fand sich selten mehr als ein Viertel von ihnen ein. Auch ich nahm nicht regelmäßig daran teil, da die meisten der Übungen für mich viel zu schwierig, das heißt, nicht nur äußerst anstrengend, sondern schlicht und einfach undurchführbar waren. So waren manche der geforderten Bewegungsabläufe nur von denen richtig zu bewältigen, die wenigstens noch einen voll funktionierenden Oberkörper und normal bewegliche Arme und Hände hatten. Alle Übungen, bei denen ich die Hände hinter den Rücken halten oder über den Kopf heben sollte, waren mit meinen blockierten Schultergelenken einfach nicht zu schaffen und daher ziemlich frustrierend.

Meine Therapeutin war etwas über dreißig und ziemlich sportlich. Sie schien recht nett zu sein, doch es brauchte einige Zeit, bis ich mich an ihre Trainingsmethoden und die neue Situation gewöhnte. Für mich bedeutete die Übersiedelung in das Rehabilitationszentrum, daß ich nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung und Einzelfall, sondern nur mehr ein Querschnittgelähmter unter vielen war. Dementsprechend kam ich auch nicht mehr in den Genuß einer besonderen Aufmerksamkeit, sondern wurde einfach der Routinebehandlung unterzogen.

Auch die Schwestern und Pfleger schienen hier weniger Zeit zu haben, und ich mußte oft relativ lang warten, bis jemand mir bei irgendeinem Problem zu Hilfe kam. Die Zimmerschwester, eine ziemlich energische, wenn auch wenigstens nicht völlig humorlose Person, teilte mir kurz und bündig mit, hier sei Selbständigkeit oberstes Gebot, die Patienten sollten in erster Linie lernen, wie man allein zurecht komme. Damit war ich im Prinzip natürlich einverstanden, trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, von einem Luxushotel in eine Kaserne übersiedelt zu sein. Ich hatte ja ohnehin den Ehrgeiz, möglichst viel selbst zu machen, doch stieß ich durch meine Schwäche und Ungeschicklichkeit ununterbrochen auf unüberwindliche Hindernisse, was mich immer wütender und verzweifelter machte. Ich konnte nicht einmal mein Zimmer ohne Hilfe verlassen oder betreten, da sich die Zimmertüren nicht wie die meisten anderen Türen im Haus automatisch öffneten und schlossen. Die Druckknöpfe vor und in dem Lift waren für mich etwas zu hoch, und wenn ich sie mit größter Mühe endlich gedrückt hatte, schlossen sich die Türen meistens schon, ehe ich den Rollstuhl in die richtige Position manövriert hatte. Ich konnte mir nichts aus meinem Nachtkästchen oder aus dem Wandschrank holen, da die Betten manchmal so eng nebeneinander standen, daß ich nicht nahe genug und im idealen Winkel an die Griffe herankam. Zuweilen wurde nämlich in unserem Dreibettzimmer noch kurzfristig ein vierter Patient untergebracht, was auf anderen Stationen mit gehfähigen Behinderten nicht so schlimm gewesen wäre, für Rollstuhlfahrer aber doch eine unzumutbare Belastung darstellte. Leider war auch der Kühlschrank überhaupt nicht behindertengerecht in die Wand versenkt, so daß die obersten und hinteren Bereiche nur von den Geschicktesten erreicht werden konnten. Auch der Eßtisch war so konstruiert und aufgestellt, daß nie wir alle wirklich bequem unseren Platz erreichen konnten und wir uns dann zudem noch gegenseitig in die Quere kamen und störten. So gab es im ganzen Haus unzählige architektonische Dummheiten und Gedankenlosigkeiten, die sich bei einem neuen, speziell für Behinderte gedachten Gebäude leicht vermeiden hätten lassen. Wie ich später erfuhr, hatten sich die Bauherren bei der Planung über die Vorschläge und Einwände des mit den Problemen Schwerstbehinderter am besten vertrauten Pflegepersonals arrogant hinweggesetzt. Soll behindertengerechtes Bauen nicht zur oberflächlichen Alibihandlung verkommen, dann muß es sich an den Bedürfnissen und Schwierigkeiten der Schwächsten und Hilflosesten und nicht am Durchschnitt orientieren.

Zu meiner großen Enttäuschung gab es auch keine Luftmatratze für mich, da die wenigen im Haus vorhandenen bereits alle vergeben waren, und ich wurde nicht mehr alle zwei, sondern nur mehr alle vier Stunden neu gelagert. Da ich mich damals überhaupt nicht drehen und so meine Position so gut wie gar nicht verändern konnte, wurde der Druck durch mein eigenes Körpergewicht oft schon nach zwei Stunden ziemlich unangenehm. Auch die übliche routinemäßige Lagerungstechnik entsprach überhaupt nicht meiner Vorstellung von Bequemlichkeit. Erst nach und nach entwickelte ich selbst für mich eine angenehmere Lagerung, indem ich die Schwestern und Pfleger verschiedene Positionen ausprobieren ließ, worauf diese anfangs sehr skeptisch reagierten, dann aber doch meinen Wünschen nachkamen. Für die meisten der anderen Patienten, die einen großen Teil ihres Körpers nur mehr schwach oder gar nicht fühlen konnten, spielten derartige Dinge wohl keine große Rolle. Für mich war die Lösung dieses Problems allerdings entscheidend, und selbst in der etwas bequemeren Lage sehnte ich zumeist den Ablauf der Vierstundenfrist herbei und konnte den Blick kaum von der Wanduhr abwenden. Auch in dieser Hinsicht fühlte ich mich eher an den pünktlich durchorganisierten Tagesablauf in einer Kaserne erinnert, mir fehlte die Flexibilität und der Spielraum für individuelle Bedürfnisse. Mir wurde natürlich mit der Zeit klar, daß für das reibungslose Funktionieren einer solchen Einrichtung Pünktlichkeit und Disziplin nötig sind und daß das Pflegepersonal, das zweifellos eine körperlich äußerst anstrengende und psychisch belastende Arbeit für relativ wenig Geld leistet, oft überlastet und überfordert ist, da natürlich auch in diesem Bereich an Planstellen gespart wird. Außerdem entspannte sich die Stimmung mit der Zeit, als wir einander besser kennenlernten und sich allmählich gegenseitiger Respekt und Anerkennung für die Bemühungen der anderen Seite entwickelten. Ich freute mich, wenn eine der freundlicheren und lustigeren Schwestern Dienst hatte, und verschanzte mich einsilbig hinter meinem „Pokerface“, wenn eine der herrischen, sarkastischen „Hausdrachen“ das Zimmer betrat. Besonders eine der jüngeren Schwestern, zugegebenermaßen eine fachlich sehr kompetente Kraft und sogar unbestreitbar eine ziemlich attraktive Frau, verfügte über den Charme einer gut funktionierenden Tiefkühltruhe und war daher bei den Patienten allgemein als „Schwester Sonnenschein“ bekannt. Die Pfleger waren fast ausnahmslos größer als ich und hätten mit ihren Muskelpaketen auch als Bodybuilder oder Freistilringer durchgehen können, da ihre Oberarme zumeist stärker als meine Oberschenkel waren, an denen sich allerdings doch bereits Muskelschwund bemerkbar gemacht hatte. Wie ich später erfuhr, litten doch viele von ihnen trotz ihres beeindruckenden Körperbaus an Rückenschmerzen und Bandscheibenschäden, die zweifellos auf die langjährige Belastung durch das Heben und Lagern schwergewichtiger und unbeweglicher Patienten zurückzuführen waren. Es war sogar zu befürchten, daß der eine oder andere früher oder später diesen Beruf nicht mehr ausüben können oder im schlimmsten Fall sogar selbst als Patient hier landen würde. Überhaupt stellte der Transfer zwischen Bett und Rollstuhl einen Schwerpunkt in der Betreuung der am schwersten Behinderten dar, die ihre Position überhaupt nicht oder nur geringfügig verändern konnten. Von den nur leicht behinderten und erfahreneren Patienten wurde erwartet, daß sie den Transfer allein oder mit nur geringer Unterstützung oder Sicherung durchführten. Da ich mich trotz des über meinem Bett angebrachten Trapezes nicht selbst aufrichten konnte (ich schaffte es auch nicht, mich nach hinten abzustützen und hochzustemmen), waren für den Transfer entweder zwei Schwestern oder ein kräftiger Pfleger nötig. Außerdem wurden dabei noch Rutschbretter aus Holz oder Kunststoff verwendet, die den Patienten unter das Gesäß geschoben wurden, um so das direkte Heben des vollen Körpergewichts zu vermeiden. Die meisten der Pfleger waren höflich, gutmütig und hilfsbereit. Mit einem von ihnen, der sogar eine querschnittgelähmte Lebensgefährtin hat und überhaupt besonders viel Verständnis für die Probleme der Patienten zeigte, freundete ich mich bald an, als wir unsere gemeinsame Vorliebe für gute Musik entdeckten.

In der Regel begann der Tag damit, daß um sechs Uhr die „Katheter-Brigade“, bestehend aus einem Arzt, einer Schwester und einem Pfleger, ins Zimmer stürmte, den für diesen Termin vorgemerkten Patienten den Harn abzapfte und dann samt Wägelchen mit dem nötigen Zubehör ins nächste Zimmer weiter zog. Manche der gerade diensthabenden Ärzte grüßten nicht einmal beim Betreten oder Verlassen des Zimmers und ließen auch sonst durch ihr Verhalten und ihre Körpersprache erkennen, daß sie sich nur einer lästigen Pflicht an ihnen gleichgültigen Objekten entledigten. Der Vorgang des Katheterisierens erschien mir wie ein strenges Ritual mit klarer Rollenverteilung: Die Schwester betupfte die Harnröhrenöffnung mit in einer Desinfektionslösung getränkten sterilen Kompressen, der Arzt führte den durch vorheriges Einweichen gleitfähig gewordenen Katheter mit Hilfe einer sterilen Pinzette durch die Harnröhre in die Blase ein, und der Pfleger schloß einen Plastikschlauch mit einem daran hängenden Plastiksäckchen an den Katheter an. Natürlich wechselten alle daran Beteiligten vor jedem Patienten ihre Gummihandschuhe, um die Infektionsgefahr auf ein Minimum zu reduzieren. Ich mußte diese Prozedur jeden Tag noch drei weitere Male über mich ergehen lassen, nämlich zu Mittag, am Abend und um zehn Uhr in der Nacht, da ich einerseits ausgiebig trinken sollte (mindestens zwei Liter pro Tag), andererseits die Blase nicht überdehnt, also nicht mit mehr als einem halben Liter gefüllt werden durfte. Sowohl über die Flüssigkeitszufuhr als auch über die Entleerungsmengen wurde genauestens Buch geführt, sogar mit Zeitangaben, da der Primarius großen Wert darauf legte und die Besprechung dieser Eintragungen oft im Mittelpunkt seiner wöchentlichen Visiten stand. Da der Primar gebürtiger Grieche war, bezeichnete ich das sonst nur als „Harnbüchel“ bekannte Heft einmal in meiner Respektlosigkeit als die „Heilige Schrift nach griechisch-orthodoxem Ritus“.

Überhaupt schienen urologische Probleme in diesem Haus besonderes Gewicht zu haben: Alle nur irgendwie in Frage kom­menden Patienten, das heißt, diejenigen, bei denen vielleicht Veränderungen der Blasenfunktion zu erwarten waren, hatten sich regelmäßig der Blasenstimulation zu unterziehen, einem gewissermaßen auf etwa eine Stunde ausgedehnten Katheterismus, bei dem die Blase zuerst vollständig entleert, dann mit einer Elektrolytflüssigkeit gefüllt und schließlich ein mit einer Elektrode bestückter Spezialkatheter in die Blase eingeführt wurde, um von innen mittels computergesteuerter Schwachstromimpulse den Blasenschließmuskel zur spontanen Öffnung anzuregen. Die Wirkung dieser Behandlung wurde dann in einem ähnlichen, ebenso langwierigen und unangenehmen Verfahren mit der Bezeichnung Uro-Dynamik, manchmal sogar unter Verwendung einer winzigen Videokamera, die durch den Katheter eingeführt wurde, untersucht. Ich sah schon ein, daß die Normalisierung der Blasenfunktion durchaus ein wichtiges Ziel darstellte, da sich im günstigsten Falle das lästige und infektionsträchtige Katheterisieren vermeiden ließ. Immerhin hatten viele Querschnittgelähmte immer wieder durch unsachgemäßes, nicht völlig steriles Katheterisieren unter Infektionen zu leiden, die schließlich sogar zur Nierenschädigung führen konnten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß in dieser Anstalt der Stellenwert von neurologischen und orthopädischen Aspekten der Querschnittlähmung in Relation zu denen der Urologie nicht ganz so hoch war, wie ich in meiner laienhaften Naivität angenommen hatte. Außerdem fand ich es irgendwie sogar praktisch, garantiert „trocken“ zu sein und nicht ständig Angst vor nassen Hosen haben zu müssen, da ich mich ja im Notfall nicht einfach schnell auf irgendeine Toilette begeben oder gleich überall in eine Flasche urinieren konnte. Manche Patienten waren allerdings in der Lage, durch rhythmisches Klopfen oder Drücken auf die Bauchdecke eine zumindest teilweise Entleerung herbeizuführen, was schon eine gewisse Erleichterung bedeutete. Andere, die den Harndrang weder spüren noch kontrollieren konnten und so gewissermaßen an Inkontinenz zu leiden hatten, mußten ständig ein Kondom mit einem daran hängenden Säckchen tragen.

Mag es auch seltsam erscheinen, so muß ich wohl auch für meine Darmlähmung noch dankbar sein, die es mir erlaubt, den Stuhlgang durch Medikamente und bewußte Ernährung zeitlich zu regulieren und mir so wenigstens die allergrößte Peinlichkeit und Unbequemlichkeit zu ersparen. Es ist nämlich auch so schon für einen erwachsenen Menschen demütigend genug, sich jeden zweiten Tag, im Hausjargon „Stuhltag“ genannt, bei der Verrichtung der Notdurft helfen lassen zu müssen. Auch bei der Körperpflege war ich anfangs auf Hilfe angewiesen; erst nach und nach lernte ich wenigstens, mir selbst das Gesicht, die Hände und den Oberkörper zu waschen, die Zähne zu putzen und mich zu rasieren. Gleich nach der morgendlichen Katheter-Prozedur kamen die Schwestern und Pfleger mit Duschwannen in das Zimmer, schoben diese neben die Betten, zogen uns hinüber und fuhren dann mit uns in das Badezimmer, wo wir eingeseift und abgeduscht wurden. Die beweglicheren und kräftigeren Patienten fuhren mit speziellen wasserfesten Rollstühlen unter die Dusche, die auch als Toilettestühle zu verwenden waren. Duschen war mir nie sonderlich angenehm gewesen, es erschien mir speziell zu dieser Tageszeit immer wie ein Schock, der den Tag bereits ungemütlich beginnen ließ.