Versuch über das Glück

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Schon lange bevor mich ein Unfall an den Rollstuhl „gefesselt" hat, wie es die meisten Journalisten und andere unbedarfte Schreiberlinge so gern clichéhaft formulieren, habe ich es immer mit Erich Kästner gehalten, wenn er auf die Frage: „Wo bleibt das Positive?" entgegnete, „Ja weiß der Teufel wo das bleibt!" Aber auch der Teufel Mephisto selbst antwortet wiederum auf die Frage „Hast du mir weiter nichts zu sagen? Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?" nur folgendes: „Nein, Herr, ich find´ es dort, wie immer, herzlich schlecht!" Und im Wörterbuch des Teufels (von A. Bierce) wird der Zyniker als „ein Lump, der die Dinge so sieht wie sie sind und nicht so wie sie sein sollten" definiert. Leider habe ich es oft mit Menschen zu tun, deren geistige Beweglichkeit nicht einmal mit der meines Körpers mithalten kann und deren Rückgrat und Standfestigkeit in charakterlicher Hinsicht der meiner Wirbelsäule und Beine entspricht, mir aber gut zureden, ich solle nicht alles so schwarz sehen und versuchen, trotz allem glücklich und zufrieden zu sein. Dabei habe ich aber den Verdacht, sie würden den gleichen guten Rat wahrscheinlich auch einem Blinden geben.

Ich weiß natürlich, dass man ein zu 50% gefülltes Glas sowohl als halb voll als auch halb leer betrachten kann. Ich glaube aber wie Ingeborg Bachmann, dass die Wahrheit den Menschen zumutbar ist. Um des lieben Friedens willen möchte ich mich jedoch ausnahmsweise mit der halben Wahrheit begnügen und einmal einen literarischen Versuch in die positive Richtung wagen, in dem ich darauf verzichte, so unerfreuliche und schockierende Wörter wie Behinderung, Krankheit, Schmerzen, Angst, Hilflosigkeit, Depressionen, Enttäuschung oder Einsamkeit zu erwähnen, auf dass niemand den Glauben an die beste aller möglichen Welten verliere ...

Eigentlich führe ich ja ein wahrlich beneidenswertes Leben: Es fängt schon damit an, dass ich nie in Gefahr gerate den Tag zu verschlafen und so meine kostbare Lebenszeit zu vergeuden, weil ich jeden Morgen den Gott werden lässt, sei es Werk- Sonn- oder Feiertag, pünktlich um 7 Uhr geweckt und aus den Federn geholt werde.

Nicht einmal waschen und ankleiden muss ich mich selbst, bezahlte Lakaien übernehmen diese langweiligen und unkreativen Tätigkeiten. Danach kann ich mir in aller Seelenruhe das Frühstück nach meinen ganz individuellen Gelüsten zubereiten und ohne Hast verzehren, brauche dabei nicht nach den Zeigern der Uhr zu schielen und fürchten dass ich zu spät zur Arbeit kommen und dafür von einem strengen Boss gescholten werden könnte.

Überhaupt kann mich der Gedanke an Arbeit völlig kalt lassen: Kein Leistungsdruck, kein Mobbing durch unkollegiale Kollegen, keine Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit kann mir das Leben schwer machen und Stress bereiten. Ich suche mir nur Arbeiten aus, die mich interessieren, und arbeite nur mit oder für Menschen, die mir sympathisch sind und meine Leistungen zu schätzen wissen. Aber auch wenn ich den ganzen lieben Tag nur die Hände in den Schoß legte, würde Vater Staat sein monetäres Füllhorn dennoch über mir so lange ausschütten wie der Vorrat reicht, und das Schönste daran ist: Ich brauche nicht einmal mit jemandem zu teilen!

Es bleibt mir auch erspart, einer Gemahlin oder Lebensgefährtin während des Frühstücks Rede und Antwort stehen oder dem Gequengel oder Zank meiner Nachkommenschaft zuhören zu müssen. Statt dessen kann ich mich ungestraft und ungehindert in die Morgenzeitung oder ein Buch vertiefen und mich gleichzeitig von der Musik berieseln lassen, die gerade meiner Stimmung entspricht.

Je nach Wetter kann ich mir sodann den Tag nach Herzenslust gestalten: Bei schönem Wetter kann ich zum Beispiel auf der Terrasse meditieren, mir dabei die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und mich am Duft der Blumen und dem Zwitschern der Vögel erfreuen. Ich kann aber auch zu einen gemütlichen Einkaufsbummel aufbrechen, dabei so en passant meinen alten Kumpel Seppo in der Bibliothek besuchen, um mich mit neuem Lesestoff einzudecken und ihn in einen Tratsch verwickeln und von seiner verantwortungsvollen Aufgabe (nämlich Kultur unter das ungebildete Volk zu bringen) abhalten, danach eine kurze Rundfahrt durch den Park wagen, beim Kinderspielplatz kurz dem Gekreisch der lieben Kleinen lauschen und dabei Gott danken, dass es nicht die meinen sind, die diesen Krach veranstalten, und dass ich mich dieser Geräuschkulisse schnell und mühelos wieder entziehen kann.

Mein Transportmittel ist leise, umweltfreundlich und wendig, sparsam im Energieverbrauch und für meine Zwecke allemal schnell genug. Ich habe ja, Gott sei Dank, alle Zeit in der Welt und muss nicht von Termin zu Termin hetzen oder im Stau stehen. Parkplatzprobleme kenne ich nicht, Sitzplatzreservierungen sind überflüssig, da ich meinen Sitz ja ohnehin immer mit mir führe. Sogar bei größeren Menschenansammlungen behalte ich stets den Überblick, weil ich mich dank einer eingebauten Hydraulik über die Massen erheben und einen ungehinderten Blick auf Straßenmusikanten, Pantomimen oder wahlwerbende Politiker werfen kann. Es fehlte nur noch die Bordkanone oder der eingebaute Flammenwerfer, und ich könnte mich wie 007 fühlen, gerührt von der Achtsamkeit meiner Mitmenschen, die mir fast nie den Weg verstellen, und geschüttelt von holprigen Straßenbelägen. Dass mir nach wie vor so manches Haus verschlossen bleibt und ich so gut wie keinen meiner Freunde besuchen kann, weil mein Luxusgefährt eben leider doch keine Stiegen überwindet, mag ja gelegentlich etwas frustrierend sein, aber Sie könnten ja auch selbst im neuesten Porsche oder Mercedes kein einziges Stockwerk schaffen, oder?

Zu Mittag stehe bzw. sitze ich vor der Entscheidung, ob ich mir selbst eine meiner Leibspeisen kochen oder mich in einem Restaurant verwöhnen lassen soll. Es gibt nämlich keine Lebensabschnittsgefährtin, die mich regelmäßig bekochen würde und deren Kochkünste ich wohl oder übel auch dann lautstark und überzeugend würdigen müsste, wenn mir nicht unbedingt danach zumute wäre. Man sagt ja, dass die Liebe durch den Magen geht, aber haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, was daraus werden kann, sobald sie erst durch den Magen gegangen ist? Das sollte einem wohl zu denken geben!

Wenn sich ab und zu jemand finden lässt, der mir beim Essen Gesellschaft leistet, macht ein Besuch beim Chinesen (nicht nur wegen des wechselseitigen Kostens) naturgemäß mehr Spaß, es darf zur Abwechslung auch mal ein Italiener, Grieche oder Japaner sein. Um all die kulinarischen Köstlichkeiten zu genießen, welche die Welt uns zu bieten hat, musste ich früher weite, strapaziöse und kostspielige Reisen unternehmen. Nun, wo der Tourismus immer gefährlicher wird und man immer und überall damit rechnen muss, von einer Bombe zerrissen oder eingeäschert zu werden, die Opferrolle in einem Entführungsdrama zu spielen oder von Naturkatastrophen und Seuchen bedroht zu werden, darf ich ruhig und sicher meine Runden durch die idyllischen Gässchen der Kulturhauptstadt 2003 drehen, die sogar seine Heiligkeit der Dalei Lama mit seiner Anwesenheit geadelt hat.

Überhaupt wäre es völlig überflüssig für mich, ins Ausland zu reisen, wenn ich in meiner Siedlung als gebürtiger Österreicher ohnehin schon zu einer verschwindenden Minderheit zähle und ich von meinen Nachbarn kaum noch ein deutsches Wort zu hören bekomme. Sollte sich der Treibhauseffekt noch stärker auswirken, kann ich mich dann mit etwas Phantasie leicht an die Gestade des Mittelmeers versetzt fühlen, ohne dass mich wie Qualtingers Travnicek ein Reisebüro dorthin vermitteln müsste.

Nach dem Mahl ein kurzes Nickerchen, auch ein paar flotte Trainingsrunden mit der Therapeutin können nicht schaden, wenn man seine Verdauung ankurbeln und die angehäuften Kalorien verbrennen will. Am Nachmittag kommt hin und wieder Besuch, der manchmal so verläuft als wenn man den Opa im Altenheim mit einer guten Tat beglücken wollte, froh, dass man anschließend wieder gesund und munter in seinen Alltag zurückkehren kann.

Überhaupt gehen bei mir ständig Frauen ein und aus, die vom Alter her oft meine Töchter sein könnten, und um deren Gesellschaft mich meine Nachbarn wohl beneiden müssen. Sie geben einander manchmal förmlich die Klinke in die Hand: Jeden Tag mindestens zwei andere, zu allen möglichen Tageszeiten, und fast alles dreht sich dabei immer nur ums Bett - sie holen mich nämlich entweder aus demselben oder helfen mir hinein; den Platz darin hat mir allerdings bislang noch keine von ihnen streitig gemacht; das Pflegebett wäre ja ohnehin nur viel zu eng für zwei!

So belasten mich auch keine lästigen Besitzansprüche meiner weiblichen Besucher, keine hysterischen Eifersuchtsszenen, oder hochnotpeinliche Verhöre über meinen Verbleib während der letzten Nacht - sie wissen ja ohnehin alle wo ich wie immer war: Allein in meinem Bett, völlig ungestört in das reichhaltige Bildungsprogramm oder das unterhaltsame Werbeangebot des Kabelfernsehens versenkt, ohne mich mit irgendwem über die Wahl der Kanäle streiten zu müssen. Wenn ich auch davon genug habe, kann ich mich sodann ungehindert in Morpheus´ Arme fallen lassen und den Schlaf der Gerechten genießen, ohne zuvor etwaigen ehelichen Pflichten nachkommen zu müssen und meine Manneskraft durch die exzessive Libido einer Bettgenossin in Frage stellen oder überfordern zu lassen, ganz zu schweigen von Gedanken an Verhütung oder AIDS.

Früher verschwendete ich oft Zeit und Geld, indem ich am Abend ins Kino oder Theater, zu Vorträgen oder Konzerten ging oder mir in verrauchten, lauten Lokalen die Nacht um die Ohren schlug und ungesundes Zeug in mich hineinschüttete. Jetzt bleibt mir das zumeist erspart, da mich nur selten jemand zu solch zweifelhaften Vergnügungen mitschleppt und man sich eher damit begnügt, mir im Nachhinein von diversen Veranstaltungen zu berichten, die mir wahrscheinlich ja ohnehin nicht gefallen hätten oder zu anstrengend gewesen wären.

Wenn ich mich nicht wohl fühle und ich auch nicht schlafen kann, ermöglicht mir mein verständnisvoller Hausarzt den völlig legalen und preisgünstigen Zugang zu Drogen, die sich andere Menschen für teures Geld und unter enormen Risiken beschaffen müssen. So kann ich mich nach Wunsch von der grauen Realität des Alltags verabschieden und davon unberührt in höheren Sphären schweben und alles durch eine rosarote Brille betrachten.

Wenn man auch noch bedenkt, dass ich mir nicht einmal um mein nächstes Leben (wie immer das auch aussehen mag) große Sorgen zu machen brauche, da ich es in meinem physischen Zustand sogar beim besten(?) Willen und mit den allergrößten Anstrengungen kaum noch schaffen würde irgendeine schwere Sünde zu begehen, wird der/die geneigte Leser/in also schwerlich bezweifeln können, dass ich das große Los gezogen habe, ein Auserwählter des Schicksals, ein echtes Glückskind bin, nicht wahr?


 

   


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